Die Pflanzen-Versuchsstation und #15shadesofgreen

Der Infopoint Museen & Schlösser in Bayern feiert seinen 15. Geburtstag und bespielt Blog und Instagram zum Thema #15shadesofgreen. Tanja Praske hatte vorgeschlagen, dass wir uns beteiligen und dem sind wir nach kurzer Nachfrage in München gerne gefolgt.

Zugegeben: Mit einem Industriemuseum im Ruhrgebiet verbindet man eher die Farbe Grau, aber dass es doch überraschende Grüntöne gibt, sei anhand dieses Nachbaus einer Versuchsstation aus dem Jahr 1849 gezeigt: Durch die Analyse von Pflanzenblättern wurde damals der Nachweis erbracht, dass sich Hüttenrauch negativ auf Pflanzen, Menschen und Tiere auswirkt. Warum trotz dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse Hütten und Schornsteine wuchsen und das Bild von der grauen Industriemetropole prägten, soll dieser Beitrag verdeutlichen.

Ich bin seit März 2018 für das LVR-Industriemuseum Zinkfabrik Altenberg Oberhausen tätig. Als ich anfing hier zu arbeiten, konnte ich mir noch die alte Dauerausstellung in der Zinkfabrik Altenberg ansehen. Mittlerweile sind die Objekte im Depot gelagert und die riesige, leere Industriehalle ist wieder zum Vorschein gekommen. Die alte Ausstellung hatte ihren Charme, weil es einige Möglichkeiten gab, Objekte anzufassen und so Industriegeschichte mit mehreren Sinnen zu erfahren. Mich hat in der alten Ausstellung der Versuchsaufbau nach Arwed Wieler besonders überrascht. Ich hatte nicht erwartet, dass man schon vor der Phase der Hochindustrialisierung im Ruhrgebiet wusste, welche Folgen der Schadstoffausstoß der Industrie für die Umwelt haben würde.

Eigentlich weiß man es schon seit der Antike…

Die eigentlichen Erkenntnisse hielt schon Strabon vor über 2000 Jahren in seiner „Geographica“ fest: „Die Schmelzöfen des Silbers aber macht man hoch, damit der Dampf aus den Erzmassen in die Höhe aufzeige, denn er ist schädlich und [sogar] tödlich.“. Mit der beginnenden Industrialisierung und dem massiven Einsatz von fossilen Brennstoffen nahmen die Probleme in den Zentren der Schwer- und Metallindustrie aber einen noch nie dagewesenen Umfang an. Extrem hoch war der Schadstoffausstoß bei den Metallhütten, die zusätzlich zum Brennstoff Kohle auch noch schwefelreiche Erze wie Zinkblende verarbeiteten. Beim Rösten der Blende wurde der Schwefel freigesetzt und entströmte als Gas durch die niedrigen Kamine.

Nur eine unangenehme Belästigung?

Zinkhütten machten den Anwohner*innen schwer zu schaffen, denn der schwefelhaltige Rauch löste sich mitnichten in Wohlgefallen auf, er schlug sich als Tau oder saurer Regen nicht nur in der direkten Nachbarschaft der Fabriken nieder. Die stinkenden Rauchschwaden, die aus niedrigen Schornsteinen quollen und je nach Wetterlage die ganze Umgebung in sauren Nebel hüllten, wurden aber zunächst nur als unangenehme Begleiterscheinung akzeptiert. Die Ablagerungen von Ruß und Rauch auf Pflanzen und Gebäuden wurden als nicht dramatisch eingeschätzt. Bald wurden die Folgen aber deutlich sichtbar: Obstbäume trugen kleinere Früchte, Ernteerträge sanken, Getreidefelder zeigten nur tote Ähren oder hatten winzige Saatkörner. Wiesen verdorrten und boten dem Vieh nicht mehr genug Futter, was zu geringerer Milchproduktion führte. Für die Anwohner*innen war die Ursache dieser und weiterer Probleme klar: Es konnten nur die neuen Industrien sein.

Frühe Rauchschadensforschung

Für das Königreich Sachsen, das im Besitz von Erzbergwerken und Hütten war, kamen die ständigen Klagen der Anwohner*innen besonders ungelegen. Deswegen wurde 1849 der Agrarchemiker Julius Adolph Stöckhardt, Professor für Agriculturchemie und landwirtschaftliche Technologie an der Königlich-Sächsischen Forstakademie in Tharandt, mit der Erstellung eines Gutachtens über die schädlichen Auswirkungen des Hüttenrauchs beauftragt. Die Akademie, in der auch Arwed Wieler arbeitete, besaß die perfekten Ausgangsbedingungen, um tätig zu werden: Sie lag mitten in einem Waldgebiet, das an Industrieanlagen angrenzte.

In der alten Dauerausstellung des LVR-Industriemuseum Zinkfabrik Altenberg stand diese Inszenierung eines Versuchsaufbaus von Arwed Ludwig Wieler. Der Botaniker wies durch Versuche nach, dass Schwefeldioxid den Stoffwechselprozess von Pflanzen stört.
Foto: Christian Günther / LVR

Stöckhardts Forschungen sind heute noch von Bedeutung. Er untersuchte die Bestandteile des Hüttenrauchs und unterteilte sie in schädliche und unschädliche. Zusammen mit einem landwirtschaftlichen Sachverständigen besichtigte er die Umgebung der Hütten und lieferte genaue Beschreibungen von betroffenen Pflanzen. Durch eine Analyse der Pflanzenblätter erbrachte er den chemischen Nachweis, dass sie mit Schwefelsäure in Berührung gekommen waren. Er konnte eindeutig nachweisen, dass es die schwefeligen Säuren, aber auch Dämpfe von Blei und Zink waren, die sich negativ auf Pflanzen, Menschen und Tiere auswirkten. In Rauchgaskammern, wie der im Beitragsbild, simulierte er die Hüttenrauchschädigung in Kurz- und Langzeitversuchen. Dabei entdeckte er, dass selbst bei einer extremen Verringerung von Schwefeldioxid chronische Pflanzenschäden auftraten. Julius Stöckhardt gelang es immerhin, eine breite Debatte innerhalb der Fachwelt über Grenzwerte und Schädlichkeitsnachweise auszulösen, aber sein grundsätzliches Forschungsergebnis über die Schädlichkeit des Hüttenrauchs erreichte weder Öffentlichkeit noch Behörden oder Politik. Arwed Wieler wiederum vertrat den Standpunkt, dass die Schädigungen nicht allein durch die Luft entstanden und versuchte experimentell nachzuweisen, dass durch Schwefel eine Versauerung des Bodens eintrat. Wielers Forschungen wurden damals weitestgehend abgelehnt oder ignoriert.

Folgenreiche Entscheidungen

Die industriefreundlichen Entscheidungen der damaligen Politiker sind auch heute noch sichtbar. Vor einigen Monaten schrieben wir beispielsweise über den Tagesbruch auf dem Gelände unseres Museums. In dem Loch wurden Ablagerungen von schwefelhaltigen Verbindungen und die Überreste einer alten Röstanlage der Vieille Montagne gefunden. Das Unternehmen war Weltmarktführer in der Herstellung von Zink und hatte in den 1850er Jahren ins Ruhrgebiet expandiert. In der Zinkfabrik Oberhausen wurde die schwefelhaltige Zinkblende mit Kohle geröstet und das verbliebene Zinkoxid wurde zunächst in Mülheim-Eppinghofen und später Essen-Borbeck verhüttet. Der Boden des Museumsgeländes ist noch heute so verseucht, dass unser Urban-Gardening-Projekt das Gemüse in Hochbeeten anpflanzt.

Das Urban Gardening Abteilungsbeet unserer Kolleg*innen aus der Sammlung.
Foto: Christian Günther / LVR

Was mich ─ vor allem vor dem Hintergrund der heutigen Diskussion ─ so an diesem Fallbeispiel und an dem Versuchsaufbau zur Rauchschadensforschung beschäftigt, ist, wie wissenschaftliche Erkenntnisse zugunsten von Industrie und Profit ignoriert wurden. Die Folgen der Industrie- und Konsumgesellschaft auf den Menschen und seine Umwelt waren damals absehbar und sind heute deutlich sichtbar. Heutige Protestbewegungen können sich besser vernetzen, dafür haben wir uns aber größtenteils zu einer „Wissensvermeidungsgesellschaft“ entwickelt, der zwar Informationen und Erkenntnisse in fast unbegrenztem Maß zur Verfügung stehen, die aber nicht bereit ist, diese in Taten umzusetzen. Museen bieten Räume, dem entgegenzuwirken. Das LVR-Industriemuseum Zinkfabrik Altenberg soll auch deswegen noch mehr zu einem lokal verankerten sozialen Forum werden, einem „dritten Ort“, der es ermöglicht, sich Wissen anzueignen und Zukunftsfragen zu verhandeln. Die neue Dauerausstellung wird die Folgen der Industrie- und Konsumgesellschaft aufgreifen und hier im Blog werden wir sicher noch einige Beiträge zur Baugeschichte und dem Thema Nachhaltigkeit veröffentlichen.

7 Kommentare zu „Die Pflanzen-Versuchsstation und #15shadesofgreen

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  1. Toller Beitrag! Hat mich sofort zum nachdenken angeregt und mich an das Schweinfurter Grün erinnert, insbesondere die bis heute andauernde Bodenbelastungen im Raum Schonungen.

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    1. Bodenbelastungen sind in der Nachfolge der Zinkfabrik Altenberg noch heute ein Thema. Bei unserem Umbau müssen wir auf die Belastungen heute noch Rücksicht nehmen. Bei der Zinkhütte in Essen-Borbeck stehen in der näheren Umgebung heute wieder Sanierungen an. Es bleibt spannend.

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  2. Lieber Günther,

    ein ganz herzliches Dankeschön für diese Ausführungen zu #15shadesofgreen. Es freut mich sehr, dass der Impuls bei euch griff und ihr eure Geschichten daraufhin überprüft habt. Ist es wirklich so erstaunlich, dass wissenschaftliche Erkenntnisse dort ignoriert werden, wo sie wirtschaftlichen Zielen widersprechen? Gerade das erleben wir aktuell negativ eindrücklich hinsichtlich der Klimaforschung und eines Hampelmannes jenseits des großen Teiches.

    Faszinierend, dass sich schon früh Gedanken über die Konsequenzen von Schadstoffen in der Luft auf Mensch, Tier und Natur gemacht wurden. Freue mich über weitere Berichterstattung.

    Weiterhin viel Freude beim Bloggen!

    Sonnige Grüße
    Tanja Praske von KULTUR – MUSEUM – TALK

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    1. Liebe Tanja,

      ganz herzlichen Dank für den Kommentar (unseren ersten im Blog!) und das Feedback!
      Wir planen, die von Dir aufgeworfene Frage in einem weiteren Beitrag aufzugreifen.
      Vielleicht lässt sich ja gerade durch die Schilderung von einzelnen historischen Beispielen etwas für die Gegenwart ableiten und lernen?

      Beste Grüße,
      Christian 😉

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      1. Lieber Christian,

        ups, pardon für den Namens-Fauxpas 😉

        Ja, die Verknüpfung der Vergangenheit mit der Gegenwart finde ich persönlich sehr spannend. Darin bin ich nicht allein, im Gegenteil. Gerne weiter so!

        Ja, mit dem Kommentieren ist so eine Sache, vieles verlagert sich ins Social Web. Wird in den Artikeln kommentiert, bleibt das immerhin für spätere Leser erhalten, während sich im Social Web spannende und spontane Diskussionen ergeben können. Manches Mal, wenn diese besonders dynamisch sind, lohnt es sich, sie transkribiert in den Artikel zurückzuholen. Bei Namensnennung erfordert das natürlich das Einverständnis des Diskussionspartners. Das mache ich bei eigenen Blogposts hin und wieder auch, wenn die Gespräche im Web eine weitere Tiefe ergeben.

        Herzliche Grüße
        Tanja

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