Auf schwarzem Hintergrund ist der obere Teil einer Kerze abgebildet, darüber eine helle Flamme. Das Foto ist Schwarz-Weiß.

Zum Holocaust-Gedenktag – 81 Jahre danach

Der 27. Januar ist seit 2005 Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Aus diesem Anlass blicken wir aus Oberhausener Sicht auf das Menschheitsverbrechen, das die Erinnerungskultur und das Selbstverständnis Deutschlands bis heute entscheidend prägt. Gleichzeitig möchten wir Fragen an unsere Gegenwart stellen, die mit neuerlichen Ausbrüchen antisemitischer Haltungen zu kämpfen hat.

Ein Beitrag von Martin Kauder

Am 27. Januar 1945 erreichten Truppen der Roten Armee das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Bis zu diesem Zeitpunkt waren dort über 1,1 Millionen Menschen ermordet worden – in Gaskammern, erschlagen von Aufsehern, durch Erschießung oder absichtliches Verhungern. Rund jedes sechste Opfer des Holocaust in Europa kam in Auschwitz zu Tode.

In Zentralperspektive und aus niedriger Höhe ist das Einfahrtsgleis des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau abgebildet. In der Mitte ist das Einfahrtsgebäude des Lagers zu sehen.
Das Gleis, auf dem die Deportationszüge das Lager Auschwitz-Birkenau erreichten. Foto: Pixabay, https://pixabay.com/photos/camp-buildings-auschwitz-birkenau-7432553/, PiotrZakrzewski

Bis heute ist Auschwitz neben anderen Vernichtungslagern wie Sobibór, Bełżec oder Treblinka das wirkmächtigste Symbol des durch die Nationalsozialisten verübten, industriellen Massenmordes an den europäischen Juden. Es steht als Mahnmal gegen Antisemitismus, Verfolgung und Gewalt. Jedes Jahr besuchen Tausende den Ort des Geschehens.

Die Dimensionen des Holocaust reichten in alle Regionen Europas hinein. Überlebende und Hinterbliebene haben ihre Geschichten in den letzten Jahrzehnten in die ganze Welt hinausgetragen. Und so ist die Shoah, wie der Holocaust seitens jüdischer Gemeinden und Institutionen oft genannt wird, ebenso Teil der Geschichte des Ruhrgebietes und Oberhausens. 581 jüdische Menschen lebten im April 1933 in Oberhausen, während die Gesamtbevölkerung am 31. Dezember 1932 offiziell 195.119 betrug. Das entspricht einem Anteil von 0,3 Prozent. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 begannen auch hier repressive Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung der Stadt, wie der sogenannte „Judenboykott“ am 1. April desselben Jahres. Geschäfte in jüdischem Besitz wurden von SA- und SS-Angehörigen (SA = Sturmabteilung; SS = Schutzstaffel) flankiert und mögliche Kunden vom Kauf abgeschreckt. Dem folgte bald die „Arisierung“, also die Zwangsaufgabe und Übertragung von Unternehmen an nichtjüdische Bewerber. Davon betroffen war beispielsweise das Möbelhaus Mechlowitz & Co. auf der Marktstraße, das ein Branchenkonkurrent zu günstigen Konditionen übernahm. – Heute befindet sich an der Adresse ein türkischer Supermarkt. – Jüdische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung wurden entlassen, andere Berufsgruppen direkt mit Berufsverboten belegt, zum Beispiel Anwälte und Ärzte. Die Nürnberger Gesetze von 1935, die die „Reinheit des deutschen Blutes“ sichern sollten, untersagten Eheschließungen zwischen Juden und Nichtjuden. Verbote von Schwimmbad- und Kinobesuchen und räumliche Trennungen in der Öffentlichkeit schränkten die Verbindungen der jüdischen Minderheit zur Mehrheitsgesellschaft stark ein. 1938 lebten bereits nur noch 264 als jüdisch registrierte Menschen in der Stadt.

Schlagzeile der Rhein- und Ruhrzeitung vom 1. April 1933: Reichsregierung und NSDAP zu Boykottbewegung. Planmäßiges Einsetzen des Boykotts heute vormittag - Dann Pause von Sonntag bis Mittwoch
Artikelzeile zum „Judenboykott“ auf dem Titelblatt der Rhein- und Ruhrzeitung vom 1. April 1933, Foto: Zeitpunkt.NRW, URL: https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/6567095

Am 9. und 10. November 1938 brannten in Oberhausen die Synagoge und die Warenhäuser. In der sogenannten „Reichspogromnacht“ wurde dem angeblichen „Volkszorn“ Tür und Tor geöffnet. Jüdinnen und Juden sowie Menschen, die man dafür hielt, zerrte die in Zivil umherziehende SA auf die Straßen und attackierte sie. Scheiben von Wohnungen und Geschäften wurden eingeworfen. Die Synagoge in der Friedenstraße war am Schluss so stark beschädigt, dass sie abgerissen werden musste; die Kosten wurden der jüdischen Gemeinde auferlegt. Widerstand gegen all diese Vorgänge regte sich nur begrenzt. Immer mehr Jüdinnen und Juden entschlossen sich zur Flucht. Manche waren auf sich allein gestellt, andere machten sich mit ihrer ganzen Familie, Kindern und Älteren auf den Weg. Dabei mussten sie in vielen Fällen große Teile ihres Besitzes zurücklassen und Vermögenswerte an den Staat überschreiben.

Ein Davidstern aus gelbem Stoff mit hebräisiertem Schriftzug „Jude“.
Ein Davidstern aus Stoff mit hebräisiertem Schriftzug „Jude“, Foto: LVR-Industriemuseum, Sg. fb2013-001-211

Wer das Land nicht rechtzeitig verlassen konnte, fiel oft früher oder später in die Hände der NS-Behörden wie SS, SD (= Sicherheitsdienst) und Gestapo (= Geheime Staatspolizei) und wurde in eines der vielen Konzentrationslager geschickt, die reichsweit errichtet wurden. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges im Spätsommer 1939 verschärfte sich die Verfolgung immens, das NS-Regime radikalisierte sich weiter.

Im September 1941 wurde der „Judenstern“ als verpflichtend zu tragendes Erkennungssymbol eingeführt. Im dritten Band der Oberhausener Stadtgeschichte findet sich eine Liste der damaligen jüdischen Bürgerinnen und Bürger Oberhausens. Allein um die 40 von ihnen wurden nach Auschwitz deportiert, viele andere in weitere Konzentrationslager. Die meisten, die nach Kriegsbeginn noch in Oberhausen lebten, haben Verfolgung und Krieg nicht überlebt.

Die Erinnerung an die Opfer wird auf vielfache Weise wachgehalten. Neben Gedenktagen und Bildungsveranstaltungen finden sich Spuren auch im Stadtbild wieder – Denkmäler, Plaketten, Schilder. Wer aufmerksam durch die Straßen geht, wird auf sogenannte „Stolpersteine“ stoßen. Die vom Künstler Gunter Demnig geschaffenen, quadratischen Steine sind in den Boden eingelassen und erinnern vor ihren jeweils letzten Wohnorten an NS-Opfer. In Oberhausen sind aktuell 218 Stolpersteine für im Nationalsozialismus verfolgte Jüdinnen und Juden verlegt.

Auch in der unmittelbaren Umgebung der Zinkfabrik Altenberg finden sich Stolpersteine. An der Buschhausener Straße sind Steine für die Familien Blumenthal und Lion, an der Theresenstraße ein Stein für Familie Löwenhardt verlegt. Fotos: LVR-Industriemuseum

Wagen wir einen Blick in die Gegenwart. Inzwischen liegt die Befreiung von Auschwitz 81 Jahre zurück. Die Erinnerung an den Holocaust und die Vermittlung seiner Geschichte zählen zu den zentralen Elementen des politischen und gesellschaftlichen Selbstverständnisses der Bundesrepublik. Doch die Unmittelbarkeit der Ereignisse schwindet mit dem Tod von Opfern, Tätern und Zeitzeugen. Und trotz der Präsenz des Nationalsozialismus in Lehrplänen wissen immer weniger (besonders junge) Menschen etwas mit den Worten „Holocaust“ und „Auschwitz“ anzufangen. Vielfach heißt es, antisemitische Haltungen kehrten zurück. Das ist ein fataler Irrtum. Antisemitismus ist keine Neuheit, sondern eine Konstante. Laut Studienergebnissen hegen bis zu 25 Prozent der Deutschen Vorbehalte gegen Juden oder eine angebliche jüdische Dominanz in der Gesellschaft. Synagogen müssen durch die Polizei geschützt werden. Kippaträger werden angegriffen und bespuckt. Menschen, die sich mit dem Staat Israel als nationale Repräsentanz jüdischen Lebens solidarisieren, sind scharfen Anfeindungen ausgesetzt.

Es stellen sich daher zunehmend (neue) Fragen: Wie kann die angemessene Würdigung einer Vergangenheit gelingen, die sich immer weiter entfernt? Wie kann gleichzeitig Herausforderungen der Gegenwart begegnet werden? Nützt es dabei überhaupt, sich persönlich mit Geschichte(n) zu identifizieren?

Unverändert muss der universale Gleichheitsgrundsatz der Aufklärung gelten: Kein Mensch ist wertvoller als der andere. Wer sich dieser Überzeugung anschließt, kann vermeiden, Vorurteile auszubilden oder abwertend zu denken. Die Vergangenheit prägt dabei das Denken über die Gegenwart. Der Blick darf aber keineswegs nur zurück, sondern muss ins Jetzt und nach vorne gerichtet sein, um Antisemitismus wirksam bekämpfen und damit auch die Demokratie schützen zu können – besonders in Zeiten, da geschichtsrevisionistische und radikale Stimmen an Zulauf gewinnen.

Heute zählt die jüdische Gemeinde im Verbund der Städte Duisburg, Mülheim an der Ruhr und Oberhausen etwa 2.500 Mitglieder. Jüdisches Leben gehört zur Region. Es zu schützen und gegen Ausgrenzung und Gewalt einzustehen, ist die Verantwortung der Gegenwart. Daran wollen auch wir am Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust besonders erinnern.

Literatur und Internetquellen:

Magnus Dellwig/Peter Langer (Hg.), Oberhausen in Krieg, Demokratie und Diktatur (Oberhausen – eine Stadtgeschichte im Ruhrgebiet 3), Münster 2012.

Clemens Fuest, „…weil die Ruine das Straßenbild stört und öffentliches Ärgernis erregt.“ Brand und Zerstörung der Oberhausener Synagoge 1938/39, in: Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten NRW (Hg.), Gewalt in der Region. Der Novemberpogrom 1938 in Rheinland und Westfalen, Düsseldorf u. a. 2008, S. 98–103.

Arthur Heinrich, Oberhausen, in: Lorenz Pfeiffer/Arthur Heinrich (Hg.), Juden im Sport in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Ein historisches Handbuch für Nordrhein-Westfalen, Göttingen 2019, S. 643–649.

Clemens Heinrichs (Hg.), eine – keine – reine Stadtgesellschaft. Oberhausen im Nationalsozialismus 1933 bis 1945, Oberhausen 2012.

Dominik Hirndorf, Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Repräsentative Umfrage zur Verbreitung von antisemitischen Einstellungen in der deutschen Bevölkerung (Monitor Wahl- und Sozialforschung der Konrad-Adenauer-Stiftung (Juli 2023)), URL: https://www.kas.de/documents/252038/22161843/Antisemitische+Einstellungen+in+Deutschland.pdf/cead70cb-a767-65f8-82a1-5f3537c409d1?.

Stolpersteine in NRW. Karte des Westdeutschen Rundfunks, URL: https://stolpersteine.wdr.de/web/de/karte.

Homepage der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim/Ruhr-Oberhausen, URL: https://jgduisburg.de/.

Fast jeder dritte junge Deutsche denkt antisemitisch, in: Das Portal der Kinder- und Jugendhilfe (01.02.2022), URL: https://jugendhilfeportal.de/artikel/fast-jeder-dritte-junge-deutsche-denkt-antisemitisch.

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One comment

  1. Ein besonders in der Darstellung der Chronologie der Ereignisse sehr gelungener Artikel. Mit Bezug auf die Gegenwart werden zudem wichtige Fragen gestellt, die allerdings leider offen bleiben (müssen?). Hier bleibt die Aufforderung an alle, sich den hier gestellten Fragen zu stellen und nach Antworten zu suchen, um die bei aller Eindringlichkeit praktizierte, immer wiederkehrende Formelhaftigkeit des Gedenkens zu überwinden und zu einer auch in Zukunft noch erfahrbaren individuellen, „nach vorne gerichteten“ Erfahrungsmöglichkeit umzugestalten

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