Lithografie des Künstlers Adrien Canelle, dargestellt ist die Zinkfabrik Altenberg

Industrielandschaften im Blick von Lithografien

Teil 2 – Die Vieille Montagne im Spiegel der Lithografien

Als Belgien Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer relevanten Industrienation in Europa aufstieg, brachte dies einen landschaftlichen Wandel mit sich, der sich auch in einer veränderten künstlerischen Darstellung ebendieser Landschaft niederschlug. Im vorherigen Beitrag haben wir euch das Werk La Belgique industrielle vorgestellt; ein regelrechter Atlas der Industrie, in dem sechs Künstler auf 200 Tafeln die 160 wichtigsten Industriegebäude Belgiens festhielten. Die Lithografien können nicht nur als Ausdruck von Nationalstolz, sondern auch als eine Art Visitenkarte der abgebildeten Unternehmen verstanden werden. Der Bildband löste eine regelrechte künstlerische Bewegung aus, in der auch die Zinkfabrik Altenberg eine besondere Rolle einnahm. Davon berichten wir euch heute im zweiten Teil der Reihe.

Ein Beitrag von Isabelle Reckmann

Auf elf der 200 Tafeln in La Belgique industrielle ist die Société Anonyme des Mines et Fonderies de Zink de la Vieille Montagne (VM) mit ihren Standorten verewigt. Von diesem Werk inspiriert, beschloss die Unternehmensführung der VM, einem Künstler den Auftrag zu erteilen, alle Produktionsstätten des Unternehmens mit seinen Mitarbeitenden in einem Album bildlich festzuhalten. Da im Vorfeld geradezu eine künstlerische Bewegung entstanden war, die den Wandlungsprozess der Industrialisierung Belgiens in den Fokus der Betrachtung stellte, gab es zu diesem Zeitpunkt bereits einige Fotografen, Maler und andere kreative Köpfe, die den Konzern im Bild festgehalten hatten. Doch eine Sammlung, die allein die Fabrikansichten der VM in den Mittelpunkt rückte, war eine Neuheit. Im Anschluss sollten diese Drucke zu Werbezwecken im Konzern verbreitet werden. Die VM hatte also schon früh verstanden, eine gute Öffentlichkeitsarbeit zu leisten, um ihren Bekanntheitsgrad zu erhöhen sowie den Aufstieg des Unternehmens zu verewigen. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts galt die VM nicht nur als belgischer Marktführer, sondern expandierte auch auf die wichtigsten Auslandsmärkte für Zinkprodukte. Im Zuge dessen baute das belgische Unternehmen auch die Standorte um Oberhausen auf.

Im Vordergrund des Bildes von der Zinkfabrik in Borbeck bei Essen befinden sich Getreidefelder. Ein Bauer erntet dort und wendet dem Betrachter den Rücken zu, um eine Lokomotive vor der Zinkfabrik zu beobachten. Die traditionelle Landwirtschaft blickt also auf die neu entstandene Industrie, wodurch der Künstler Adolphe Maugendre eine Verbindung zwischen den beiden Wirtschaftszweigen herstellt.
Im Vordergrund des Bildes von der Zinkfabrik in Borbeck bei Essen befinden sich Getreidefelder. Ein Bauer erntet dort und wendet dem Betrachter den Rücken zu, um eine Lokomotive vor der Zinkfabrik zu beobachten. Die traditionelle Landwirtschaft blickt also auf die neu entstandene Industrie, wodurch der Künstler Adolphe Maugendre eine Verbindung zwischen den beiden Wirtschaftszweigen herstellt.
Bild: LVR-Industriemuseum

Rückblick – Die Geschichte der Vieille Montagne

Im Jahr 1805 hatte Jean-Jacques Dony (1759-1819) von der französischen Regierung die alleinigen Schürfrechte für die Kalaminvorkommen in der belgischen Gemeinde Moresnet zwischen Lüttich und Aachen erhalten. Der Erlaubnis ging voraus, dass Dony ein leistungsfähigeres Verfahren zur Reduktion von Zinkerzen und deren Gießen in Barren erfunden hatte. Bei dem sogenannten „belgischen Röstverfahren“ handelte es sich also nicht um eine importierte, sondern eine lokale Technologie, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine neue Industrie entstehen ließ. Zwar war der Rohstoff Galmei seit der Antike bekannt und in der Natur, auch links- und rechtsseitig des Rheins, reichlich vorhanden, jedoch war auf dem europäischen Kontinent zuvor keine Technik entwickelt worden, um den Verdampfungsprozess von Zink, der aufgrund seines geringen Siedepunktes wesentlich früher als die mit ihm in der Erde aneinandergewachsenen Stoffe einsetzte, zu überwinden. Erst Dony konnte den entscheidenden Durchbruch erzielen und so war es möglich, reines metallisches Zink durch Verdampfen von Galmei zu gewinnen.

1807 errichtete Dony daraufhin in Moresnet eine Zinkfabrik, in der erstmals metallisches Zink im technischen Großbetrieb zu marktfähigen Preisen hergestellt wurde. 1812 folgte das erste Zinkwalzwerk auf dem europäischen Kontinent und er gründete die Société Anonyme des Mines et Fonderies de la Vieille Montagne. Daraufhin stieg die Nachfrage nach nicht rostendem Zink und Zinkweiß immer weiter an und es entstanden neue Absatzmärkte im Haus- und Schiffbau, im Haushaltswaren- und Hygienebereich, im Gesundheitswesen, in der Fotografie sowie in der Kunst und Malerei.

Bald geriet Dony jedoch in finanzielle Schwierigkeiten und 1824 übernahm der mit ihm kooperierende Kaufmann François-Dominique Mosselmann (1754-1840) die Anlagen, welche er nach den Vorbildern großer Stahlunternehmen umbaute und erweiterte, sodass die VM den gesamten Prozess der Zinkproduktion abdecken konnte. Wegen Mosselmanns Initiative fielen von dem zwischen 1850 und 1854 in Belgien produzierten Zink 62% auf die Betriebe der VM zurück. So konnte das Unternehmen einen mächtigen Konzern bilden, der auf dem belgischen Markt die Vorherrschaft einnahm.

Ende der 1840er Jahre expandierte die VM auch auf die wichtigsten Auslandsmärkte. Einer der prosperierenden Märkte, der für die VM von Interesse war, war das deutsche Gebiet. Jedoch bestand hier die Problematik, dass der Deutsche Zollverein hohe Einfuhrzölle auf ausländische Produkte verhängt hatte. Um hier aktiv werden zu können, musste die VM Produktionsstandorte im Gebiet des Deutschen Zollvereins besitzen. Nach einem ersten gescheiterten Versuch konnte die VM 1853 mit der Société des Mines et Usines à Zinc de la Prusse-Rhénane verschmelzen und dank der wachsenden Nachfrage die Produktionskapazitäten ausweiten. Die Zinkfabrik Altenberg in Oberhausen wurde erbaut und war Teil des europäischen Marktführers der Zinkindustrie, der auch weltweit tätig war.

Im 20. Jahrhundert schloss sich die VM mit einer Reihe von Bergbau- und Hüttenunternehmen zusammen, die sich allmählich zu einem Konzern für Spezialmaterialien, Materialtechnologie und Recycling namens Umicore weiterentwickelte. In den späten 1990er Jahren hatte man sich vom verbliebenen Bergbaugeschäft und anderen strategisch nicht sinnvollen Geschäftszweigen getrennt, um sich auf Edelmetalle, margenträchtige Zinkprodukte und hochentwickelte Werkstoffe zu fokussieren.

Die Erteilung des Auftrages

Die Wahl bei der Auftragserteilung fiel auf den französischen Landschaftsmaler, Grafiker und Lithografen François Adolphe Maugendre (1809-1895), welcher bereits damals für seine detaillierten und präzisen Darstellungen von Industrieanlagen bekannt war. Über Maugendres Herkunft und Ausbildung gibt es keine Informationen. Es ist lediglich bekannt, dass er in jungen Jahren zunächst als Landschaftsmaler arbeitete, sich aber dann zunehmend der topografischen Zeichnung und Aquarellmalerei zuwandte. Als er die Technik des Lithografiedruckes für sich entdeckte, schuf er – oftmals im Auftrag von Industrieunternehmen – primär großformatige Drucke von Architektur- und Landschaftsansichten, in denen er technische Bauwerke und industrielle Anlagen dokumentierte.

Der Band mit dem Untertitel Vues de usines et établissements de la société enthält 30 handkolorierte Farblithografien mit einer Größe von etwa 56 Zentimetern Breite und 39 Zentimetern Höhe. Gedruckt und herausgegeben wurden die Ansichten von dem in Paris ansässigen Auguste Bry, mit dem Maugendre zuvor bereits mehrfach zusammengearbeitet hatte.

Titelbild des von Adolphe Maugendre gefertigten Bildbandes über die Vieille Montagne
Titelbild des von Adolphe Maugendre gefertigten Bildbandes über die Vieille Montagne Bild: LVR-Industriemuseum

Die in den frühen 1850er Jahren angefertigten Drucke zeigen Ansichten der Niederlassungen in Belgien (Moresnet, Welkenraedt, Angleur, Saint Léonard, Valentin Cocq, Tilff), Bray in Frankreich und die preußische Anlage Rabotraedt. Wie bei La Belgique industrielle fügen sich auch hier die Betriebe der VM idealtypisch in die sie umgebende Landschaft ein. Aufgrund der präzisen Abbildung der Fabrikanlagen lassen sich noch heute recht genaue Aufschlüsse über ihr Aussehen und ihren Zustand gewinnen.

Diese Innenansicht zeigt die Zinkrösterei in Essen-Borbeck, in der Arbeiter an Schlesischen Zinkreduktionsöfen arbeiten. Außer den beschönigenden Arbeitsbedingungen ist vor allem die regelrecht dramatische Darstellung des Feuers bemerkenswert, die Maugendres künstlerische Fähigkeiten verdeutlicht.
Diese Innenansicht zeigt die Zinkrösterei in Essen-Borbeck, in der Arbeiter an Schlesischen Zinkreduktionsöfen arbeiten. Außer den beschönigenden Arbeitsbedingungen ist vor allem die regelrecht dramatische Darstellung des Feuers bemerkenswert, die Maugendres künstlerische Fähigkeiten verdeutlicht.
Bild: LVR-Industriemuseum

Eine zusätzliche Intention hinter der Auftragsarbeit bestand darin, die verschiedenen Tätigkeiten innerhalb des Betriebes zu erläutern. Daher sind auch Innenansichten mit Arbeitern im Werk enthalten, was selten vorkam und die Besonderheit der Quelle unterstreicht. Die Serie umfasst den gesamten Prozess der Zinkherstellung von der Gewinnung des Zinkerzes über das Schüren, Gießen und Wiederauffüllen des Tiegels bis hin zum Walzen der Zinkbleche in einem Walzwerk. Jedoch bleiben die genauen Arbeitsabläufe meist unklar, da die Drucke primär darauf ausgelegt waren, eine anekdotische, stimmungsvolle Atmosphäre zu kreieren und so die arbeitenden Personen regelrecht „verlandschaftet“ wurden. Nichtsdestotrotz gelten die Ansichten als bedeutsame Dokumente des industriellen Zeitalters für das Hütten- und Montanwesen, vor allem im Bereich der Zinkverhüttung.

Diese dreiteilige Bilderabfolge ist in dem von Maugendre gefertigten Album einmalig. Die detailreichen Lithographien ermöglichen es, Rückschlüsse auf die Arbeitsprozesse am Reduktionsofen zu ziehen, auch wenn die dargestellten Bedingungen kritisch hinterfragt werden müssen.
Diese dreiteilige Bilderabfolge ist in dem von Maugendre gefertigten Album einmalig. Die detailreichen Lithographien ermöglichen es, Rückschlüsse auf die Arbeitsprozesse am Reduktionsofen zu ziehen, auch wenn die dargestellten Bedingungen kritisch hinterfragt werden müssen.
Bild: LVR-Industriemuseum

Der Platz der Lithografien in der neuen Dauerausstellung

Natürlich wird eine Lithographie der Zinkfabrik Altenberg auch einen Platz in der neuen Dauerausstellung finden. Zu Beginn der Ausstellung thematisieren wir die Gründung des Standortes, die den Auftakt des industriellen Zeitalters nun auch in Oberhausen einläutete. Die wesentlichen Standortvoraussetzungen Infrastruktur und Ressourcen waren gegeben, denn es gab einen Bahnhof sowie Steinkohlevorkommen. Im Gegenzug brachte der international agierende Konzern VM Wissen und Kapital ins Ruhrgebiet, welches zu dieser Zeit noch nicht erschlossen war.

Die von Adrien Canelle um 1856 angefertigte Lithografie aus dem bedeutenden Werk La Belgique industrielle zeigt das Walzwerk kurz nach dessen Gründung. Auch auf diesem Bild wird das Werk in einer weiten Landschaft dargestellt, was der Ausstellungsgruppe den Titel „Inmitten der öden Heide“ verlieh. Interessant ist, dass auf dem Druck auch die zentralen Standortfaktoren, die für die Gründung an diesem Ort entscheidend waren, zu sehen sind: die Zeche Concordia und die Bahnstation Oberhausen. Außerdem ist das verbundene Werk Rhenania zu erkennen.

In der neuen Dauerausstellung zeigen wir eine Reproduktion der Lithographie in Originalgröße sowie eine weitere Lithografie Canelles der späteren Gutehoffnungshütte als Großdruck auf der Wand. Rechts neben der Lithographie der Zinkfabrik Altenberg wird eine preußische Uraufnahme Oberhausens aus dem Jahr 1840 sowie eine Karte Oberhausens von 1857 platziert, welche sich übereinander schieben lassen. So können die Besucher*innen einen Eindruck davon gewinnen, wie schnell und stark sich die Landschaft in diesen 17 Jahren wandelte.

Fazit

Unter den zahlreichen Alben, die zwischen 1840 und 1860 auf den Markt kamen, nimmt La Belgique industrielle nicht nur aufgrund ihres Umfangs und der fotografischen Präzision jeder Tafel eine herausragende Stellung ein. Jedoch dürfen andere, von La Belgique industrielle inspirierte Alben, wie das Werk von Maugendres, das die VM in den Mittelpunkt der Betrachtungen stellt, nicht verkannt werden. Das bemerkenswerte bei allen Drucken ist die Symbiose, die zwischen den dynamischen Fabriken und ihrer ruhigen, friedvollen Umgebung innerhalb der Darstellungen entsteht – sei es eine ländliche oder bereits industriell geprägte Landschaft. Alle Lithografien ehren die Errungenschaften der kapitalistischen Welt und dem damit einhergehenden Aufstieg der Bourgeoisie. Die Industriebarone des 19. Jahrhunderts waren sich ihrer Überlegenheit bewusst; daher sollten die in Auftrag gegebenen Lithografien mit ihren beeindruckenden Industriekomplexen die Macht und den Einfluss der aufstrebenden Unternehmer nicht nur darstellen, sondern auch rechtfertigen. Die Alben eröffnen also ein sehr optimistisches, geradezu idyllisches Bild der modernen Industriegesellschaft; jedoch sorgt diese Verklärung auch dafür, dass die andere Seite der Medaille, nämlich die Not, in der sich das Proletariat befand, im Nebel verborgen bleibt. Die Lithografien bilden zwar einen Ausschnitt aus dem Leben in der Mitte des 19. Jahrhunderts ab, dennoch sind sie keinesfalls ein Spiegel der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiterschaft, deren gesundheitliche Risiken gerade in der Zinkindustrie besonders hoch waren. Auch die Folgen, welche die Industrialisierung für die Umwelt mit sich brachte, geraten durch den blauen Himmel mit den Sonnenstrahlen, die klaren Gewässer sowie die prächtigen, grünen Landschaften in Vergessenheit.

Verwendete Literatur:

Friedemann, Peter: Die Anfänge der westeuropäischen Zinkindustrie am Beispiel der Galmei-Bergwerke „Vieille Montagne“ (Altenberg). Vom französischen Bergrecht 1891/1810 zur preußischen Bergrechtsreform, in: Der Anschnitt 69 (2017) 2, S. 74-95.
Hostyn, Norbert: Art. „Canelle, Adrien“, in: Saur Allgemeines Künstlerlexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker, Bd. 16 (Campagne-Cartellier), München/Leipzig 1997, S. 126.
Kurz, Heidrun: Art. „Maugendre, Adolphe“, in: Saur Allgemeines Künstlerlexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker, Bd. 24 (Mandere-Möhl), München/Leipzig 2016, S. 274.
Meunier, Laurence: Jules Géruzet (ed.), La Belgique industrielle, in: Pierre Delsaerdt, Jaen-Marie Duvosquel, Ludi Simons und Claude Sorgeloos (Hgg.): Honderd Schatten Uit De Koninklijke Bibliotheek Van België, Den Haag 2005, S. 188f.
Meunier, Laurence: Les Imprimeurs-Lithographes Simonau & Toovey, in: In Monte Artium 7 (2014), S. 193-216.
Van der Herten, Bart et al.: La Belgique industrielle en 1850. Deux cents images d’un monde nouveau, Deurne 1995.
Zeppenfeld, Burkhard: Zinkhütte Altenberg, in: Rheinische Industriekultur, https://www.rheinische-industriekultur.com/seiten/objekte/orte/oberhausen/objekte/zink_altenberg.html, zuletzt abgerufen am: 09.03.2023.

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