Lithografie des Künstlers Adrien Canelle, dargestellt ist die Zinkfabrik Altenberg

Industrielandschaften im Blick von Lithografien

Teil 1- La Belgique industrielle: Das Ideal eines industrialisierenden Landes

Imposante Industriebauten in sanften Farbtönen, umgeben von sattgrünen Weideflächen mit kräftigen Bäumen, klaren Gewässern oder gepflegten Stadtbildern; davor oftmals Männer und Frauen in ihrer Sonntagskleidung und über allem ein blauer Himmel mit einzelnen zarten Schleierwolken. – So stellen sich die Drucke den Betrachtenden in La Belgique industrielle dar.

Ein Beitrag von Isabelle Reckmann

Dass es sich bei den Lithografien in La Belgique industrielle um verklärte Darstellungen handelt, ist auf den ersten Blick leicht ersichtlich, doch bedeutet das nicht, dass diese euphemistische Quelle, welche im Mittelpunkt der nachfolgenden Ausführungen stehen wird, gänzlich irrelevant ist. Viel mehr macht sie gerade erst dieser Umstand zu einem interessanten Dokument der Geschichte des 19. Jahrhunderts. Die umfangreiche und frühzeitige Sammlung von Industrielandschaften ist einmalig. Sie steht zwar einerseits in einer bis ins 16. Jahrhundert zurückreichenden Tradition von ikonografischen Vorbildern, aber auf der anderen Seite wird ihr moderner Charakter anhand der hinter dem Bildband stehenden Intention sofort ersichtlich.

Im Gegensatz zu ihren Vorgängern rückt die Quelle nicht Stadtansichten, Grenzverläufe oder die Agrarwirtschaft, sondern die Errungenschaften der industriellen Revolution Belgiens in den Mittelpunkt der Betrachtungen. Mitte des 19. Jahrhunderts war Belgien zu einer relevanten Industrienation in Europa aufgestiegen und mit der Mechanisierung der belgischen Wirtschaft, der wachsenden Anzahl an Fabriken sowie der Eroberung neuer Märkte wandelte sich auch die Architektur in der Landschaft.

Aktiengesellschaft der Zinkminen und -gießereien der Vieille Montagne, Angleur
Aktiengesellschaft der Zinkminen und -gießereien der Vieille Montagne, Angleur
Bild: Van der Herten, Bart et al.: La Belgique industrielle en 1850. Deux cents images d’un monde nouveau, Deurne 1995.

In ebendiese Zeit fällt die Entstehung von La Belgique industrielle. Das Ziel des Werkes bestand darin, den Fortschritt der Industrialisierung und die damit einhergehenden Veränderungen systematisch mittels der Drucke festzuhalten. Aber auch die Absicht, den jungen Unternehmen eine Art Visitenkarte zu verleihen, kann nicht von der Hand gewiesen werden und war mit Sicherheit von Relevanz für die Publikation. Insgesamt kann die Sammlung zweifellos auch als ein Ausdruck von Nationalstolz auf den wirtschaftlichen Wandel des jungen belgischen Staates gelten, der sowohl innerhalb des Landes als auch über die Grenzen hinaus verbildlicht werden sollte.

Ein Atlas der Industrie

Wie anhand des Untertitels (Vues des établissements industriels de la Belgique) von La Belgique industrielle ersichtlich wird, illustrieren 200 Tafeln die 160 wichtigsten Industriegebäude Belgiens. Die außergewöhnlich realitätsgetreuen, fast fotografisch dargestellten „Porträts“ von Fabriken zeigen eine natürliche Landschaft, in die sich diese Betriebe wie ein selbstverständlicher Bestandteil einfügen. In dem zweibändigen Werk sind Unternehmen aus verschiedenen Industriesektoren abgebildet. Fabriken der Schwer- und Textilindustrie sowie des Maschinenbaus sind zu sehen, aber auch die Glas-, Papier-, Waffen- sowie die chemische Industrie finden Eingang in den Bildband. Des Weiteren sind einige Brauereien, Unternehmen der Bauindustrie, aber auch Bahnstationen, Steinbrüche, eine Klaviermanufaktur sowie ein landwirtschaftlicher Betrieb in der Sammlung zu finden.

Zumeist wurde das zweibändige Werk in einen dunkelvioletten Einband gebunden. Beide Bände enthalten jeweils ein Titelblatt, ein systematisches Inhaltsverzeichnis und 100 Drucke. Alle Tafeln sind durchnummeriert und der Großteil ist mit dem Siegel des Herausgebers Jules Géruzet versehen. Außerdem ist über jeder Abbildung eine Kopfzeile zu finden, in welcher der Name des jeweiligen Unternehmens, einige Informationen zum Eigentümer, der Name des Herausgebers, die Druckerei sowie der Name des betreffenden Künstlers aufgeführt sind.

Den meisten noch erhaltenen Exemplaren des zweiten Bandes wurde eine Industriekarte von Belgien und Rheinpreußen (Carte industrielle de la Belgique et de la Prusse rhénane) inklusive einer tabellarischen Übersicht beigelegt. Die Karte wurde von dem Künstler Deman (Lebensdaten unbekannt) gestochen und ebenso wie auch alle Lithografien auf den Pressen der Druckerei Simonau & Toovey gedruckt. Die Karte gibt eine Übersicht über die registrierten industriellen Ansiedlungen, wobei jede Branche entsprechend gekennzeichnet ist. Des Weiteren sind neben den betreffenden Städten auch die relevantesten Straßen, Schienennetze und Kanäle verzeichnet. Die Landes- und Provinzgrenzen wurden im Nachgang von Hand koloriert. Auf der deutschen Seite reicht die Karte im Norden von Wesel bis Dortmund sowie im Süden bis Prüm und Koblenz.

Industriekarte von Belgien und Rheinpreußen, gestochen von Deman und im Anschluss von Hand koloriert
Industriekarte von Belgien und Rheinpreußen, gestochen von Deman und im Anschluss von Hand koloriert
Foto: LVR-Industriemuseum

Die tabellarische Übersicht bot eine zusätzliche Orientierung, da sie die auf der Industriekarte und in der Sammlung abgebildeten Unternehmen auflistete. Im ersten Band sollten laut Übersicht 100 Abbildungen enthalten sein. Tatsächlich sind es aber nur 99, da sich die Tafeln 72 und 73, auf denen die Glasbläserei von Jonet und Dorlodor in Couillet bzw. Lodelinsart zu sehen ist, doppelt. Auch ist darauf hinzuweisen, dass die Tafeln 183-184, 198-199 sowie 200-201 eineinhalbmal größer waren als die übrigen Drucke. Da man sie aufklappen musste, erhielten sie eine Doppelnummer. In dem zweiten Band sind demnach also nur 98 Drucke zu finden. Neben den 200 Lithografien der beiden Bände sind auch die Nummern 201 bis 209 für sieben weitere Tafeln – bei zwei Nummern handelt es sich auch hier um Doppelnummern – aufgeführt, welche belgische Unternehmen abbilden. Außerdem sind 20 weitere Lithografien von deutschen Firmen genannt. Weil die zusätzlichen Drucke tatsächlich gefunden werden konnten, kann die These aufgestellt werden, dass diese turnusmäßig herausgegeben wurden. Es kann die Vermutung aufgestellt werden, dass dahinter die nie verwirklichte Intention eines dritten Bandes gestanden haben könnte.

Tabellarische Übersicht über die auf der Industriekarte und in der Sammlung abgebildeten Unternehmen
Tabellarische Übersicht über die auf der Industriekarte und in der Sammlung abgebildeten Unternehmen
Foto: LVR-Industriemuseum

Sechs Maler, sechs Blickwinkel

Sechs Künstler arbeiteten mit unterschiedlichen Anteilen an diesem Werk mit. Von den 200 Illustrationen übernahm Adrien Canelle (Lebensdaten unbekannt) mit 89 Abbildungen den größten Teil. Über ihn ist nur überliefert, dass er zwischen 1850 und 1860 in Brüssel besonders aktiv war und vor allem dank seiner Stadtansichten, aber auch seiner Karikaturen und Tafeln, welche in der berühmten Zeitschrift La Renaissance, an der er auch mitarbeitete, publiziert wurde. Bei dem zweitwichtigsten Künstler mit 81 Lithografien handelte es sich um den englischen Maler und Aquarellisten Edwin Toovey (1813-1893). Toovey war dafür bekannt, dass er seinen Industrielandschaften einen nahezu malerischen Charakter mit einer gewissen eindrucksvollen Dynamik verleihen konnte. Der dritte und weitaus bekanntere Künstler war der in Brüssel lebende Guillaume van der Hecht (1817-1891). Der Landschaftsmaler, Grafiker und Lithograf hatte ab 1827 an der Académie Royale des Beaux-Arts in Paris studiert. Mitte der 1840er Jahre zog es ihn für seine Studien nach London. Als er um 1850 nach Belgien zurückkehrte, begann er als Illustrator zu arbeiten und wurde ebenfalls zu einem wichtigen Mitarbeiter der Zeitschrift La Renaissance. Zusätzlich lehrte er in den 1850er Jahren auch am belgischen Königshof. Über die drei übrigen Künstler Antoine Claessends (Lebensdaten unbekannt), Antoine Voncken (1827-1863) sowie Gustave Gerlier (1826-?) sind nahezu keine Informationen überliefert. Insgesamt steuerten sie mit zusammengenommen fünf Tafeln aber auch nur sehr geringe Beiträge zu dem Bildband bei.

Das Netzwerk hinter dem Album

La Belgique industrielle wurde im Jahr 1855 von Jules Géruzet (1818-1874), einem Brüsseler Buchhändler und Verleger herausgegeben. Der in Paris geborene Géruzet begann seine Karriere Ende der 1830er Jahre in Brüssel, wo er vor allem Reproduktionen von in Frankreich verbotenen Publikationen verlegte. In den 1840er und 1850er Jahren publizierte Géruzet eine Vielzahl an Drucken und erlangte auf diese Weise als Herausgeber von lithografischen Alben Bekanntheit. Die meisten dieser Sammlungen erschienen zwischen 1852 und 1858, in welchen Zeitraum auch die Entstehung von La Belgique industrielle fällt. Aufgrund des Erfolges der neuen Fototechnik entschied er sich 1860 dazu, fortan als Fotograf zu arbeiten und konnte sich auch auf diesem Gebiet vor allem im Bereich der Porträtfotografie einen Namen machen.

Zuckerrübenfabrik in Waterloo
Zuckerrübenfabrik in Waterloo
Bild: Van der Herten, Bart et al.: La Belgique industrielle en 1850. Deux cents images d’un monde nouveau, Deurne 1995.

Gedruckt wurde die Sammlung von der Druckerei Simonau & Toovey, welche seit 1847 von Gustave Simonau (1810-?), einem bekannten Aquarellisten und Lithografen und seinem Schwager William Toovey (1821-?), Bruder des bereits oben angeführten Künstlers Edwin Toovey, der einen Großteil der Lithografien zum Bildband beisteuerte, betrieben wurde. Insgesamt fällt auf, dass die an der Publikation beteiligten Personen durch Querverbindungen unterschiedlicher Art bereits vor der Umsetzung von La Belgique industrielle miteinander bekannt waren und auch nach der Veröffentlichung des Bildbandes weiterhin zusammenarbeiteten. Beispielsweise zeichnete Canelle auch Tafeln für spätere, von Géruzet herausgegebene Sammlungen.

Simonau & Toovey druckten zahlreiche Ansichten von Denkmälern, Städten und Landschaften nicht nur in Belgien, sondern beispielsweise auch Reiseerinnerungen mit Motiven des Oberrheins – zwischen 1863 und 1865 von dem Künstler François Stroobant (1819-1916) angefertigt. Weiterhin entstanden zahlreiche Porträts, aber auch Reproduktionen von Kunstwerken, wie beispielsweise von Gemälden, Zeichnungen sowie Skulpturen, im Atelier des Duos. Im Jahr 1875 wurde die letzte Lithografie auf den Pressen von Simonau & Toovey gedruckt.

Es kann davon ausgegangen werden, dass ihr Haus zur Mitte des 19. Jahrhunderts zu den aktivsten und bekanntesten Druckereien in Brüssel zählte. Sie galten als äußerst kompetent, da sie den Zwei- und Dreifarbendruck, eine komplexe Technik, perfekt beherrscht hätten. Dies dürfte wohl auch der Grund dafür gewesen sein, dass die Lithografen sich nicht selbst mit der Farbe befassten, sondern die Aufgabe vollständig an die Druckerei übertrugen. Hinzu kam, dass die Farbe aus Sicht der Künstler nur eine untergeordnete Rolle spielte und lediglich zur Unterstützung der Illustration diente.

Simonau & Toovey druckten alle Lithografien mindestens zweifarbig, eine Reihe von Tafeln erhielten sogar eine dritte Farbe. Neben dem Schwarz der Ursprungszeichnung wurde in einem zweiten oder auch dritten Durchgang eine Volltonfarbe hinzugefügt, welche zwischen Beige, Gelb, Blau, Hellgrün oder Grau variieren konnte. Dadurch wirken die Abbildungen auf die Betrachtenden elegant, manchmal sogar spektakulär, was sich vor allem bei der Darstellung von Feuer oder rauchenden Schloten eindrucksvoll zeigt. Da das Duo seine technischen Fähigkeiten ständig perfektionierte, erhielten sie mehrere Medaillen, zuerst im Bereich des Lithografiedruckes und ab den 1860er Jahren auch für ihre fotomechanischen Drucke von Halbtonbildern. Am 01. Juli 1863 konnte William Toovey sogar selbst ein Patent zur Verbesserung in den Verfahren der Fotolithografie, der Fotozinkografie und der fotografischen Gravur anmelden.

Anlagen der Gesellschaft John Cockerill, Hochöfen, Bauwerkstätten und Kohlenbergwerke, Seraing
Anlagen der Gesellschaft John Cockerill, Hochöfen, Bauwerkstätten und Kohlenbergwerke, Seraing
Bild: Van der Herten, Bart et al.: La Belgique industrielle en 1850. Deux cents images d’un monde nouveau, Deurne 1995.

Ausgewählte Kundschaft

Der Preis des Buches wird zwar im Werk selbst nicht erwähnt, soll aber 300 Francs betragen haben, was für die damalige Zeit eine beachtliche Summe gewesen wäre. Im Werk selbst sowie in einigen Anzeigen wurde angegeben, dass die Lithografien für 1,50 Francs pro Stück erworben werden konnten. Daher liegt die Vermutung nahe, dass die Drucke auch einzeln vermarktet wurden und Inhaber der beteiligten Firmen wahrscheinlich die ersten waren, die die Möglichkeit bekamen, die Tafeln zu erhalten. Eine weitere Hypothese ist, dass nur Unternehmen, die ihre Absicht bekundet hatten, eine bestimmte Anzahl zu erstehen, in die Liste aufgenommen wurden. Daher kann angenommen werden, dass nicht alle Illustrationen in identischen Mengen gedruckt wurden.

Ausblick

Nachdem ihr im ersten Teil dieser Reihe eine generelle Einführung in die Lithografiedrucke von Industrieanlagen bekommen und dabei das wohl bekannteste Werk La Belgique industrielle – mit seinen besonderen Charakteristika, dahinterstehenden Persönlichkeiten sowie den historischen Gegebenheiten, die überhaupt zu der Schaffung dieses Werkes geführt haben – kennengelernt habt, wird es im nachfolgenden Teil um einen weiteren Bildband gehen. Darin spielt die Vieille Montagne, der Mutterkonzern der Zinkfabrik Altenberg, die Hauptrolle. Diese Publikation orientierte sich an den Motiven, die auch hinter La Belgique industrielle standen, das Werk hält jedoch einige Besonderheiten und Überraschungen bereit, die sich von den bisherigen Erkenntnissen unterscheiden.

Verwendete Literatur:

Friedemann, Peter: Die Anfänge der westeuropäischen Zinkindustrie am Beispiel der Galmei-Bergwerke „Vieille Montagne“ (Altenberg). Vom französischen Bergrecht 1891/1810 zur preußischen Bergrechtsreform, in: Der Anschnitt 69 (2017) 2, S. 74-95.
Hostyn, Norbert: Art. „Canelle, Adrien“, in: Saur Allgemeines Künstlerlexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker, Bd. 16 (Campagne-Cartellier), München/Leipzig 1997, S. 126.
Kurz, Heidrun: Art. „Maugendre, Adolphe“, in: Saur Allgemeines Künstlerlexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker, Bd. 24 (Mandere-Möhl), München/Leipzig 2016, S. 274.
Meunier, Laurence: Jules Géruzet (ed.), La Belgique industrielle, in: Pierre Delsaerdt, Jaen-Marie Duvosquel, Ludi Simons und Claude Sorgeloos (Hgg.): Honderd Schatten Uit De Koninklijke Bibliotheek Van België, Den Haag 2005, S. 188f.

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