Ein Foto des Brandenburger Tors bei Abendsonne.

Zum Tag der Deutschen Einheit: Das Brandenburger Tor von Oberhausen

Heute ist der 3. Oktober, der „Tag der Deutschen Einheit“. Seit 1990 ist er Nationalfeiertag und erinnert an das Ende der deutschen Teilung im Kalten Krieg. Vorausgegangen war der „Wiedervereinigung“ von BRD und DDR der Fall der Berliner Mauer im November 1989. Zum heutigen Anlass werfen wir einen Blick in die Geschichte und berichten über eine Protestaktion, die im Jahr 1961 in unmittelbarer Nähe der Zinkfabrik Altenberg stattfand.

Ein Beitrag von Martin Kauder

„Pankows Willkür verschärft Krise um Berlin“ titelte der Oberhausener General-Anzeiger am 14. August 1961. Tags zuvor hatte der Bau der Berliner Mauer begonnen. Damit wurde der Osten der seit 1945 geteilten Stadt vom Westen abgeschnitten und das letzte große Schlupfloch für sogenannte „Republikflüchtlinge“ geschlossen. Die politische Führung der DDR hatte das Vorhaben vorher geleugnet – viele Menschen kennen noch Walter Ulbrichts Satz: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“. In Westdeutschland war man durch den Mauerbau überrumpelt und verunsichert. Klar war aber: man lehnte ihn scharf ab. Innerhalb von kürzester Zeit überschlugen sich Medienberichte mit Reaktionen. Die Teilung der Stadt und des deutschen Staates schien im wahrsten Sinne „zementiert“. Die Bevölkerung Ost-Berlins war nun gewaltsam an der Ausreise gehindert, Familien und Freundschaften auf Jahre zerrissen. Jene, die einen Fluchtversuch wagten, bezahlten dies nicht selten mit ihrem Leben.

Das Foto zeigt den Oberhausener Bahnhof, ein großes Backsteingebäude mit Turm, auf dem "Oberhausen Gutehoffnungshütte" steht. Vor dem Bahnhof steht die Skulptur eines Tores mit sechs Säulen.
Das „Brandenburger Tor von Oberhausen“, Ende August 1961
Foto: Peter Gnaudschun, Oberhausen

Der Schock des Mauerbaus und die Berichte über die ersten Mauertoten führten in der BRD zu vielfachem Protest, so auch in Oberhausen. Die städtische Politik zeigte sich empört; im Ortskuratorium „Unteilbares Deutschland“ unter Leitung von Oberbürgermeisterin Luise Albertz (SPD) beriet man über mögliche Unterstützungsmaßnahmen für Berlin. Am 24. August folgte ein symbolisches Zeichen: Vor den Toren des Hauptbahnhofes stand nun eine meterhohe, aus Holz und getrocknetem Leinstoff gefertigte Nachbildung des Brandenburger Tores, inklusive einer aufgepflanzten Deutschlandflagge. Gebaut hatten es die Städtischen Bühnen im Auftrag des örtlichen SPD-Verbandes. Das Ziel: ein Ausdruck der Solidarität Oberhausens mit der Berliner Bevölkerung. Fünf Tage später fiel der Beschluss der Stadtverwaltung, den Bahnhofsvorplatz offiziell in „Berliner Platz“ umzubenennen (heute: Willy-Brandt-Platz). Der Oberhausener Peter Gnaudschun, der kurz zuvor in Berlin die Ereignisse hautnah miterlebt hatte, hielt in der hier zu sehenden Farbaufnahme die denkwürdige Installation fest.

Als einige Wochen später erste Wetterschäden am Tor sichtbar wurden, beschloss das Ortskuratorium, statt seiner eine Skulptur des „Berliner Bären“, des Wappentieres der ehemaligen Hauptstadt, in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofes aufzustellen. Am neunten Jahrestag des Volksaufstandes in der DDR 1953 wurde der durch den Alstadener Künstler Otto Waldner geschaffene Bär feierlich enthüllt und steht seitdem im Eingangsbereich des heutigen Berliner Parks. Nur das auf dem Sockel der Statue eingravierte Datum, der 17. Juni 1962, weist auf ihren Ursprung hin.

Die schwarz-weiß Fotografie zeigt, wie die Bärenstatue mit einem Kran aufgestellt wird, vier Männer positionieren die Statue auf dem Sockel. Im Halbkreis darum stehen Erwachsene und Kinder.
Die Aufstellung des „Berliner Bären“, 6. Juni 1962
Foto: Stadtarchiv Oberhausen; Fotograf: Feldmann

Rückblickend spiegelte die Aufstellung des Brandenburger Tores von Oberhausen die wechselvolle Geschichte des Berliner Originals wider. Bereits Napoleon führte einen Triumphmarsch durch das Stadttor. Vor allem aber sind wichtige Ereignisse des 20. Jahrhunderts mit ihm verbunden: die Novemberrevolution 1918 und die Gründung der Weimarer Republik, die Fackelzüge nach der Machtübernahme des Nationalsozialismus 1933 und auch die Zerstörung Berlins und die Niederlage des Dritten Reiches im Zweiten Weltkrieg. Ab 1945 stand das Tor mitten im Grenzstreifen zwischen britischer und sowjetischer Besatzungszone. Über Jahrzehnte sollte es das Symbol der Teilung und ab 1990 das der Deutschen Einheit werden. Dass man ausgerechnet das Brandenburger Tor und nicht ein anderes Berliner Wahrzeichen für die Aktion in Oberhausen wählte, liegt aber noch an einem anderen Grund: es stand für ein vereintes Deutschland, ein Ziel, das man in der BRD damals rege verfolgte. Auch der Bär, der in den Stadtwappen beider Teile Berlins zu sehen war, drückte die trotz Grenze, Mauer und Stacheldraht fortbestehende Verbundenheit von Ost und West aus.

Nach nunmehr 34 Jahren ist das ambitionierte Projekt „Einheit“ in vielen Bereichen vorangekommen. Viele Menschen betrachten sie jedoch als nicht vollendet. Es geht dabei um vielschichtige Fragen, wie die Anerkennung von Lebensleistungen, die Gleichbehandlung bei Löhnen und Renten und ein fehlendes Zugehörigkeits- und Gemeinschaftsgefühl. Ost- wie Westdeutsche pflegen nach wie vor gegenseitige Vorurteile. Enttäuschung und Unzufriedenheit kanalisieren sich in zunehmend hoher Zustimmung für politische Stimmen, die aus Versäumnissen und Fehlern der sogenannten „Wendezeit“ Kapital zu schlagen suchen, anstatt deren Ursachen zu beleuchten und Lösungsansätze anzubieten.

Ein Foto der Oberhausener Skulptur "Berliner Bär". Dargestellt ist ein Bär mit erhobenen Vordertatzen, der auf einem Sockel steht. Im Hintergrund sieht man grüne Rasenflächen und Bäume.
Der „Berliner Bär“ im September 2024
Foto: LVR-Industriemuseum

Die Oberhausener Protestaktion gegen den Bau der Mauer liegt mittlerweile 63 Jahre zurück. Doch sie erinnert am Tag der Deutschen Einheit daran, dass Spaltung und Mauern im übertragenen wie im wörtlichen Sinn dem Ziel einer gemeinschaftlichen, sozialen und menschlichen Gesellschaft im Weg stehen.
Es heißt, Mauern einzureißen – in den Köpfen und im Miteinander.

Headerbild: Wikimedia Commons, Fotograf: Pro2, CC BY-SA 3.0

Teile diesen Beitrag:

4 comments

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.