Zechenanlagen, Hochöfen, Halden und weitere Zeugnisse der Schwerindustrie prägen die Stadtbilder des Ruhrgebiets und erinnern die Menschen an die industriell geprägte Vergangenheit. Doch wie werden aus den Überbleibseln des Industriezeitalters historisch bedeutsame Erinnerungsorte für die Menschen der Region?
Ein Beitrag von Lea Stratmann
Das Ruhrgebiet: der größte Ballungsraum Deutschlands, geographisch definiert als Region zwischen Ruhr und Emscher, geprägt durch Bergbau und Schwerindustrie. Doch wie definieren sich die Menschen, die dort leben, heute? Historisches und kulturelles Erbe spielen dabei genauso eine Rolle wie das kollektive Gedächtnis der Bevölkerung. Das Erinnern der Menschen ist es, das die Identität einer Region definiert, bewahrt und weiterträgt. Das charakteristische Erscheinungsbild der Ruhrregion und die prägende Rolle als Industrie-Hochburg kennzeichnen sie bis heute und sind Grundlage der Erinnerungskultur(en), die durch die Gesellschaft vor Ort gelebt werden.
Neben einer Vielzahl von Museen, die sich in unterschiedlicher Weise mit der Geschichte des Ruhrgebiets auseinandersetzen, sind auch öffentlich zugängliche Orte wie ehemalige Produktionsstätten der Schwerindustrie und des Bergbaus Teil der Kulturlandschaft. Heute dienen sie nicht mehr als Fabriken oder Zechen, sondern als Kinos, Theater, Veranstaltungslocations und vieles mehr. Durch ihren hohen Identifikationswert werden sie zu Begegnungsorten für die Menschen der Region und somit relevant für die Ausbildung einer Erinnerungskultur. Schon ein flüchtiger Moment genügt, um das Gedächtnis des Ruhrgebiets wachzuhalten. Ein Blick von den Bahngleisen des Oberhausener Hauptbahnhofs auf das historische Gelände der Zinkfabrik Altenberg reicht aus, um das stadtprägende Industriezeitalter wieder aufleben zu lassen. Und das nicht nur in den Köpfen der Menschen, die im Ruhrgebiet leben, sondern auch derer, die es besuchen. Denn Erinnern passiert durch das was wir sehen, wahrnehmen und erleben. Die Erinnerungskultur lebt genauso von kleinen Augenblicken wie von jahrelanger Beschäftigung.

Foto: Stefan Arendt, LVR-Zentrum für Medien und Bildung
Auch wenn Erinnern oft unbewusst passiert, muss die Erinnerungskultur einer Region gepflegt werden und dahingehende Angebote sollen möglichst viele Menschen erreichen. Deshalb gibt es immer neue Initiativen, historische Schauplätze der Industriekultur zu besonderen Erinnerungsorten des Ruhrgebiets werden zu lassen. Sie informieren über die Geschichte des Ruhrgebiets und führen Menschen zusammen. Eine bewährte Möglichkeit sind sogenannte Themenstraßen oder Themenwege.
Die wohl bekannteste Themenstraße ist die „Route Industriekultur“, die dieses Jahr ihren 25. Geburtstag feiert. Sie verbindet, auf einer Strecke von über 400 Kilometern insgesamt 27 historisch bedeutsame Standorte. Neben der Hauptstrecke, die durch das ganze Ruhrgebiet führt, gibt es auch 32 Themenrouten, die durch einzelne Teilregionen oder Städte führen. Unter dem Namen „Oberhausen: Industrie macht Stadt“ sind historische Erinnerungsorte in Oberhausen zusammengefasst, die die Geschichte der Stadt Oberhausen, die erst durch die Industrialisierung entstand, erfahrbar machen. Teil dieser Themenroute sind unter anderem die Zinkfabrik Altenberg und die St. Antony-Hütte als Schauplätze des LVR-Industriemuseums.
Die Zinkfabrik Altenberg war über 100 Jahre lang in Betrieb und hat die Industriegeschichte der Stadt geprägt. Heute befinden sich auf dem Gelände neben dem Museum auch ein Kino und das soziokulturelle Zentrum Altenberg. Sie ist somit nicht länger ein Ort der Industrie, sondern ein Ort an dem Menschen zusammenkommen, sich austauschen und das Leben im Industriezeitalter kennenlernen können. Sie ist ein zentraler Erinnerungsort in Oberhausen und Teil des kollektiven Gedächtnisses der Menschen.
Neben der „Route Industriekultur“ gibt es auch andere Themenwege, die sich ebenfalls mit der Industriekultur im Ruhrgebiet beschäftigen. In Bochum gibt es beispielsweise zwei Industrielehrpfade und drei Bergbauwanderwege, die alle an historischen Erinnerungsorten der Industriekultur entlangführen. Neben Haltepunkten an Zechenanlagen oder anderen historischen Bauwerken stehen entlang der Wege diverse Infotafeln mit Auskünften zur Industriegeschichte der Stadt und zeitgenössischen Fotografien. Die einzelnen Themenwege haben eine Länge von 9 bis 22 Kilometern und ermöglichen es, Bochum als Ruhrmetropole „zu Fuß“ zu entdecken und mehr über die Industriekultur und historische Orte der Stadt zu erfahren.


Dass solche Angebote nicht nur von Menschen der Region genutzt werden, sondern auch eine Vielzahl von Besuchern*innen ins Ruhrgebiet locken, lässt sich unter anderem durch die Romantisierung des Industriezeitalters erklären. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts war der klassische „Malocher“ der Schwerindustrie bereits Vergangenheit. Nicht länger die Fabriken, sondern Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten, wie das CentrO, wurden zu den Mittelpunkten der Städte und boten den Menschen die Möglichkeit, sich individuell zu entfalten. Gleichzeitig mit der Individualisierung der Menschen entstand jedoch auch eine „Malochernostalgie“, die bis heute Bestand hat. Diese wird in der neuen Dauerausstellung im Bereich „Individualisierung“ unter dem Thema „Abschied vom Malocher“ aufgegriffen.
Die Wahrzeichen des Industriezeitalters prägen somit nicht nur die Skylines der Ruhrgebietsstädte, sondern bilden, in ihrer Rolle als historische Erinnerungsorte, auch einen elementaren Bestandteil der Erinnerungskultur. Sie veranlassen Menschen dazu, sich an vergangene Zeiten zu erinnern und erhalten so das Bewusstsein für die Vergangenheit der Region. Auch die Zinkfabrik Altenberg ist, trotz momentaner Umbauarbeiten und des aktuell geschlossenen Museumsbetriebs, ein zentraler Erinnerungsort in Oberhausen und aktiver Teil der historisch-städtischen Industriekultur.
Headerbild: Wikimedia Commons, Fotograf: Thomas Lang, CC0 1.0
