Am 27. November 1961 – also heute vor 63 Jahren – trafen die ersten 55 aus der Türkei angeworbenen Männer in Düsseldorf ein, um ihren neuen Arbeitsplatz im Steinkohlenbergbau anzutreten. In den kommenden Jahren folgten ihnen hunderttausende weitere Männer, Frauen und Kinder. Während ein Großteil Deutschland wieder verließ, blieben einige von ihnen – auch in den Industriestädten des Ruhrgebiets.
Ein Beitrag von Sara-Marie Demiriz
Der heutige Tag ist für uns ein Grund, zurückzublicken und ein kurzes Schlaglicht auf die Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Ausland für Industrie und Unternehmen im Rheinland und in Oberhausen zu werfen.

Bild: wikimedia commons, public domain
Die Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Ausland erfolgte vor allem durch Abkommen zwischen Deutschland und Staaten Süd- und Südost-Europas. Diese erlaubten und regelten die Beschäftigung von Mitarbeiter*innen aus dem Ausland. Das erste Abkommen unterzeichneten am 20. Dezember 1955 Italien und Deutschland. Diesem folgten Abkommen mit Spanien (29. März 1960), Griechenland (30. März 1960), der Türkei (30. Oktober 1961), Marokko (21. Mai 1963), Portugal (17. März 1964), Tunesien (7. Oktober 1965) und Jugoslawien (12. Oktober 1968). Eher unbekannt ist das 1963 geschlossene Abkommen mit Südkorea, durch das bis 1977 ca. 8.000 Bergarbeiter aus Südkorea nach Deutschland geholt wurden. Parallel dazu kamen zwischen 1965 und 1976 insgesamt über 10.000 Krankenschwestern und Krankenpflegehelferinnen aus Südkorea nach Deutschland – viele von ihnen ins Ruhrgebiet.

Bild: thyssenkrupp Corporate Archives, Duisburg
Die Ziele der Anwerbeabkommen waren vielfältig und hatten außenpolitische, arbeitsmarktpolitische und wirtschaftliche Gründe. Sende- und Aufnahmestaaten hatten ihre eigenen Interessen. Die Bundesrepublik verstand die Abkommen vor allem als Mittel, dem anhaltenden Arbeitskräftemangel in der Bundesrepublik entgegenzuwirken und das Wachstum des „Wirtschafswunders“ aufrechtzuerhalten. Denn nur mit genug Arbeitskraft konnte der neue deutsche Wohlstand gesichert werden.
Die ausländischen Beschäftigten füllten vor allem solche Arbeitsplätze aus, die nicht mehr oder nur für mehr Lohn mit Arbeitskräften aus der Bundesrepublik besetzt werden konnten. Es waren meist Bereiche, in denen körperlich schwere und harte Arbeit verrichtet werden musste: Akkordarbeit, Schichtwechsel und Fließbandarbeit gehörten über Jahre zum Teil ihres beruflichen Alltags. Bezeichnet wurden die angeworbenen Arbeitskräfte zunächst als „Gastarbeiter“. Ein Begriff, der drei falsche Annahmen hervorrief: Erstens, dass die gerufenen Menschen nicht auf Dauer bleiben und zurückziehen würden. Zweitens, dass das Recht, sich in Deutschland aufzuhalten, sich einzig auf die geleistete Arbeitskraft berief. Drittens, prägte der Begriff „Gastarbeiter“ die Vorstellung, dass vor allem Männer kamen – obwohl auch gezielt Frauen angeworben wurden.

Bild: Stadtarchiv Oberhausen, Foto: Ruth Gläser
Auch im Rheinland und im Ruhrgebiet warben Industrie und Unternehmen gezielt ausländische Arbeitnehmer*innen an. Ob Steinkohlenbergbau, Stahl-, Eisen- oder Autoindustrie, Textil-, Bekleidungs- oder Lebensmittelbranche – die Nachkriegsproduktion benötigte Arbeitskräfte. Im Steinkohlenbergbau fehlte es zudem an Auszubildenden.
In Oberhausen beschäftigte die Hüttenwerke Oberhausen Aktiengesellschaft (HOAG, vormals Gutehoffnungshütte und ab 1986 „Thyssen Niederrhein Oberhausen AG“) im Jahr 1962 Mitarbeiter aus mehr als acht Staaten. Die meisten von ihnen kamen Anfang der 1960er Jahre aus Spanien, Italien und Griechenland. Aber auch Arbeitnehmer aus Polen, den Niederlanden und Ungarn waren zeitweise Teil der Belegschaft. Die ersten sieben Arbeitnehmer aus der Türkei wurden von der HOAG 1963 angestellt – 1973 stellten sie innerhalb der HOAG bereits die größte Gruppe unter den ausländischen Arbeitnehmern dar.
Mit den angeworbenen Arbeitskräften kamen neue und bis dahin unbekannte Herausforderungen für die Unternehmen, aber auch für die Angeworbenen selbst. So gab es einerseits sprachliche Barrieren, andererseits herrschten teils schlechte Wohnungsbedingungen. Es kam zu Fehlverhalten von Dolmetscher*innen und auch die Einteilungen der Schichten oder Urlaubsregelungen führten immer wieder zu Konflikten. Diskriminierendes Handeln – ob persönlich oder gegen die „Gruppe der Ausländer“ – zählte ebenfalls dazu.

Bild: thyssenkrupp Corporate Archives, Duisburg
Die von der Schwerindustrie des Ruhrgebiets geprägten Unternehmen warben insgesamt mehr Männer als Frauen an. Der Anteil der Frauen an den ausländischen Beschäftigten stieg in Nordrhein-Westfalen zwischen 1962 und 1972/73 jedoch von 16 auf über 27 Prozent. Von je hundert ausländischen Arbeitnehmer*innen waren also 27 Frauen. Sie arbeiteten zum Beispiel in der Textilindustrie am Niederrhein oder in der Bekleidungsindustrie des Ruhrgebiets. Auch der Automobilzulieferer Pierburg in Neuss, die Textilfabrik Olbo und Knirps-Hersteller Bremshey in Solingen sowie die Schokoladenfabrik Stollwerk in Köln stellten gezielt Frauen aus dem Ausland ein.
„Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.“
Es wird davon ausgegangen, dass zwischen 1955 und 1974 insgesamt 14 Millionen Menschen vor allem über die damaligen Anwerbeabkommen in die Bundesrepublik kamen. Drei bis vier Millionen von ihnen sind geblieben.
Hinter jeder Zahl steht dabei eine Geschichte, teils einer ganzen Familie und das mittlerweile in vierter Generation. Sie haben die Bundesrepublik, Nordrhein-Westfalen und das Ruhrgebiet verändert, sie um Vielfalt bereichert. Sie trugen zum Wachstum der Bundesrepublik in den sogenannten Wirtschaftswunderjahren, aber auch darüber hinaus, bei. Sie kamen häufig mit dem Ziel, dass ihre Kinder es einmal besser haben sollten. Ihnen sollten Chancen eröffnet werden, die sie selber nicht hatten.
Nicht jede der vielen Geschichten der Arbeitsmigration nach Deutschland entwickelte sich positiv. Es gab auch Enttäuschungen, unerfüllte Erwartungen, Ablehnung, schwierige Familienverhältnisse, Trennungen, Entbehrung und Verlust sowie persönliches Scheitern. Vor allem aber blieben die Geschichten der Arbeitsmigration nach Deutschland samt den persönlichen Geschichten der angeworbenen Menschen und ihrer Familien lange unerzählt. Sie fanden nur wenig Beachtung oder wurden als „Randgeschichte(n)“ losgelöst von der bundesrepublikanischen Gesamtgeschichte thematisiert. Mit neuen Forschungen, Ausstellungen und Projekten – teils angestoßen von den Betroffenen selbst – ändert sich dies seit einigen Jahren.

Bild: Ruhr Museum, Essen
Die neue Dauerausstellung in der Zinkfabrik Altenberg wird sich ebenfalls sowohl mit der Geschichte der strukturellen Arbeitsmigration als auch den persönlichen Geschichten auseinandersetzen – denn beide sind Teil der Geschichte des Rheinlands und seiner Industrie.