Im letzten Monat des Jahres gibt es im Kino im Walzenlager noch einmal tolle Filme zu sehen! In der Woche vom 12. bis zum 17. Dezember läuft der von der Kritik gelobte und preisgekrönte Spielfilm „Was will der Lama mit dem Gewehr?“, der neben einer anregenden Geschichte interessante Anknüpfungspunkte an unsere neue Dauerausstellung bietet.
Ein Beitrag von Martin Kauder
Kann man Demokratie so einfach lernen? In Pawo Choyning Dorjis Komödie treffen Moderne und tiefverwurzelte Tradition aufeinander. Es ist das Jahr 2006. Der König von Bhutan, der seit Jahrzehnten uneingeschränkt herrscht, verkündet revolutionäre Neuigkeiten. Die Regierung führt Fernsehen und Internet ein. Und: zum ersten Mal in der Geschichte des Landes soll gewählt werden, ganz zum Wohle des Volkes. Die neue Devise in Bhutan lautet, den Weg in die Modernität zu gehen. Geschulte Teams machen sich auf den Weg in die entlegensten Dörfer, um eine Testwahl mit drei Parteien zu organisieren und der Bevölkerung „Demokratie“ zu erklären. So auch nach Ura. Doch die Menschen sind irritiert. Wohin soll dieser Weg führen und wozu ist es gut, ihn zu beschreiten? Nur weil anderswo auf der Welt für Demokratie gekämpft wird, muss sich das Leben im Dorf doch nicht ändern. Sollten die althergebrachten Traditionen nicht gewahrt bleiben? Es breiten sich Konflikte aus. Vorher unbekannte Streitigkeiten um die richtige Wahl belasten Familien und Freundschaften. Strategie, Missgunst und der eigene Vorteil sind auf einmal wichtiger als Glück und Zusammenhalt. Der innere Frieden des Dorfes scheint in Gefahr. Und so möchte der Lama von Ura am Tag des Vollmondes (und der Testwahl) eine Zeremonie durchführen. Er schickt einen Mönch auf die Suche nach einem Gewehr. Doch was will er damit? Wie wird die Testwahl ausgehen? Und wird das Dorf die großen Veränderungen, die auf es zukommen, meistern?

Auf den ersten Blick wirkt „Was will der Lama mit dem Gewehr?“ wie das Eintauchen in eine andere Welt. Sollten Wahlen und der Zugang zu freien Medien überall auf der Welt nicht längst selbstverständlich sein? Weshalb begrüßt die Bevölkerung die neuen, freiheitlichen Regeln nicht freudig, statt ihnen, wie im Film zu sehen, unbeholfen und skeptisch zu begegnen? Nur 7,8% der Menschen weltweit leben laut Statistik in sogenannten „vollständigen“ Demokratien (Stand: 2024). Sie sind also in der deutlichen Minderheit. Das hat viele Gründe, darunter die Existenz von Autokratien und Diktaturen, in denen demokratische Bestrebungen unterdrückt werden.
Man vergisst jedoch schnell, dass das Konzept eines demokratischen Gemeinwesens in manchen Regionen der Welt schlicht fremd oder gänzlich unbekannt ist. Man kann es zwar (wie in Bhutan) von einem auf den anderen Tag gesetzlich einführen. Wenn aber andere Prägungen, Werte und Vorstellungen eines guten und glücklichen Lebens gelten, kann es zu Unsicherheiten, Spannungen oder Ablehnung kommen. Demokratie nach westlichem Vorbild ist nicht einfach übertragbar und kein Allheilmittel. Das ist weder gut noch schlecht, sondern ein Ausdruck der Vielfältigkeit menschlicher Kulturen.
Auch der Blick auf Deutschland – aktuell Platz 12 im Demokratieranking – zeigt, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist. Es ist noch nicht allzu lange her, dass die freie Meinungsäußerung und die Beteiligung an Entscheidungsprozessen stark beschränkt waren. Erst 1919, vor gut 100 Jahren, gab es nach der Gründung der Weimarer Republik die erste allgemeine und freie Wahl für alle erwachsenen Männer und Frauen. Das neue System war indes instabil. Der Nationalsozialismus wurde innerhalb weniger Jahre von einer Splitterpartei zur führenden politischen Kraft in Deutschland und zerstörte die Republik. Nach zwölf Jahren Diktatur und Krieg entstand die Bundesrepublik Deutschland, die zweite deutsche Demokratie. Sie hat in diesem Jahr ihren 75. Geburtstag gefeiert. Das ist zweifellos eine stolze Errungenschaft und beweist die Langlebigkeit und den Erfolg demokratischer Prinzipien hierzulande. Es gibt jedoch keine Sicherheit, dass das so bleibt. In Zukunft muss bei immer neuen Herausforderungen darüber nachgedacht werden, wie eine Demokratie zum Besseren verändert werden kann. Sie muss ständig neu gedacht, vermittelt und verhandelt werden. Welche Bedingungen müssen erfüllt sein? Welche Voraussetzungen sind für ihre Akzeptanz und ihr Funktionieren notwendig? Beispielsweise wird regelmäßig darüber debattiert, ob weiter starke politische Parteien die Bevölkerung in Parlamenten repräsentieren oder mehr direkte Abstimmungen durchgeführt werden sollten. Dazu müssen bewusste und überlegte Entscheidungen getroffen werden. Fest steht: Eine Demokratie ist nie fertig.

Bild: Wikimedia Commons, gemeinfrei
Die für eine Demokratie zentralen Fragen der Mitbestimmung und Teilhabe betreffen alle Lebensbereiche, nicht zuletzt die Arbeitswelt. Gewerkschaftliche Vertretungen und die Beteiligung an Unternehmensentscheidungen wurden erst schrittweise ausgebaut und in harten Auseinandersetzungen durchgesetzt. Das Ruhrgebiet war und ist ein dauernder Schwerpunkt von Arbeitskämpfen in Deutschland. Die turbulenten Wechsel zwischen verschiedenen politischen Systemen haben hier nachhaltige Spuren hinterlassen. Ein Beispiel: nach dem Zweiten Weltkrieg gab es zwischen den in der Region ansässigen Montanunternehmen und ihren Beschäftigten massive Konflikte hinsichtlich der Frage, ob betriebliche Mitbestimmung zugelassen werden sollte oder nicht. Die Demokratisierung der Wirtschaft, anfangs nur von wenigen unterstützt, setzte sich langsam durch. Im Jahr 1951 fand – auch in Oberhausen – eine Urabstimmung zur sogenannten Montanmitbestimmung statt. Ihr Ausgang zwang die Bundesregierung unter Konrad Adenauer (CDU) zur Ausarbeitung eines neuen Gesetzes, dem Montanmitbestimmungsgesetz. Es regelt die Mitbestimmung der Werktätigen in Aufsichtsräten und Vorständen von Unternehmen bis heute. Auch in den Folgejahren wurde der Streitpunkt Montanmitbestimmung im Rahmen von Streiks und neuen Urabstimmungen wieder aufgegriffen. Die Seite der Werktätigen erlangte so immer mehr Rechte und Souveränität.

Bild: Stadtarchiv Oberhausen / Bestand Ruth Gläser, Fotografin: Ruth Gläser (1954_0515)

Bild: Stadtarchiv Oberhausen / Bestand Ruth Gläser, Fotografin: Ruth Gläser (1955_0145)
Unsere neue Dauerausstellung wird an diesem und vielen weiteren Beispielen die Themen Teilhabe, Mitbestimmung und Gemeinwesen im Ruhrgebiet eingehend vorstellen. Wir zeigen die Auswirkungen von Streiks und Demonstrationen in der Geschichte, beleuchten die Unterschiede des Lebens in Monarchie, Diktatur und Demokratie und fragen danach, was uns die Ruhrgebietsgesellschaft(en) der Vergangenheit womöglich für die Zukunft lehren können.
Was bleibt, ist: Demokratie erhält man nicht einfach geschenkt. Und dort, wo sie gilt, muss sie noch lange nicht funktionieren. Wer sie wirklich will, muss sie ausfüllen und leben, einfordern und verteidigen. Vorschriften, Anweisungen und neue Gesetze reichen dafür nicht aus. Es braucht eine lebendige Zivilgesellschaft und Menschen, die für sich und andere einstehen und die bereit sind, Demokratie immer wieder neu zu lernen. Sie kann nie perfekt sein, aber stets ein Stückchen besser werden. Die neue Dauerausstellung in der Zinkfabrik Altenberg hat das Ziel, dazu beizutragen.
Das Kinoprogramm im Dezember
| Komödie | Bhutan/Taiwan 2023, FSK 0 | |
| Termine | 12.12., 13.12., 16.12., 17.12. – 18.00 Uhr 15.12. – 16.00 Uhr |
| Sprache | Deutsch |
| Dauer | circa 107 Minuten |
| Kosten | 7,00 EURO (auch Rentner*innen und Auszubildende) |
| Ermäßigt | 6,00 EURO (Menschen mit Behinderung, Schüler*innen, Kinder, Arbeitslose, Studierende) |
Mehr Informationen zur Kartenreservierung findet Ihr auf der Homepage des Walzenlagers.
Anschrift
Kino im Walzenlager.
Zentrum Altenberg
Hansastraße 20
46049 Oberhausen
Bitte beachtet, dass die Adresse für den gesamten Gebäudekomplex, inklusive Museum, gilt.

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