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Tag der Demokratiegeschichte – 18. März 2026

Heute findet zum ersten Mal bundesweit der „Tag der Demokratiegeschichte“ unter Schirmherrschaft des Bundespräsidenten statt. Er rückt die wechselvolle Vergangenheit demokratischer Ideen, Bewegungen und Institutionen hierzulande in den Fokus. Gleichzeitig soll er dazu aufrufen und einladen, Demokratie in der Gegenwart aus ihrer Geschichte heraus zu begreifen und zu stützen. Auch der Landschaftsverband Rheinland beteiligt sich mit seinen Einrichtungen an diesem Tag. Und so zeigen wir heute, auf welche Weise das Thema „Demokratie“ in der neuen Dauerausstellung der Zinkfabrik Altenberg behandelt wird.

Ein Beitrag von Martin Kauder

Die Demokratiegeschichte ist ein weites Feld. Sie reicht von der Frage, wie „Demokratie“ überhaupt genau zu definieren ist, bis hin zu konkreten Ausformungen demokratischer (oder sich selbst als „demokratisch“ bezeichnender) Systeme, Theorien und Praktiken. Sie berührt politische, wirtschaftliche und zivilgesellschaftliche Aspekte gleichermaßen. Viele Begriffe tummeln sich in ihrem Umfeld: „Revolution“, „Reform“, „Mitbestimmung“, „Rechte“, „Teilhabe“, „Mehrheit/Minderheit“, „Wahl“ oder „Gerechtigkeit“, um nur einige zu nennen. 

Die neue Dauerausstellung der Zinkfabrik Altenberg erweitert die Themen der ehemaligen Ausstellung „Schwerindustrie“ und zeichnet so ein ganzheitlicheres Bild der Geschichte des Fabrikgeländes, Oberhausens und des Ruhrgebietes von den Anfängen der Industrialisierung bis in die Gegenwart. Dazu gehört insbesondere, verstärkt die Perspektive der Menschen einzunehmen, die in der Region lebten und leben.

Von dieser Idee ausgehend wird schnell erkennbar, dass der Themenkomplex „Demokratie“ in unserer Ausstellung besondere Aufmerksamkeit erhalten muss. Denn in einer funktionierenden Demokratie geht, so steht es auch in Artikel 20 des Grundgesetzes, „alle Staatsgewalt vom Volke aus“ – also von den Menschen. Schauen wir im Folgenden auf Beispiele aus der Ausstellung.

Foto aus einer Ausgabe des deutschen Grundgesetzes. Es zeigt Artikel 20. Text: Artikel 20 [Verfassungsgründsätze - Widerstandsrecht] (1) Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. (2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volk in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt. (3) Die Gesetzgebung ist an die verfassungsgemäße Ordnung, die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden. (4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.
Artikel 20 des Grundgesetzes – aber was folgt daraus?;
Bild: LVR-Industriemuseum
Lithografie des Fabrikgeländes in Altenberg um 1856. Im Zentrum steht das weiß gestrichene Hauptgebäude, am rechten steht ein eingeschossiges Gebäude mit hohem Schornstein. Im Vordergrund sind Gleise und Waggons zu sehen. Ganz vorne mittig steht eine Gruppe von drei Personen.
Eine zeitgenössische Lithografie der Vieille Montagne in Oberhausen, später Zink Altenberg (um 1856); Bild: LVR-Industriemuseum

Spuren demokratischer Bestrebungen finden sich bereits am Anfang der Ausstellung, der vor allem die Zeit der Zinkfabrik thematisiert. Im 19. Jahrhundert kamen in großer Zahl Arbeitssuchende ins Ruhrgebiet. Die Industrialisierung ließ Städte und Unternehmen rasant wachsen. Dabei gewannen besonders Fabrikbesitzer zunehmend an Macht (Bereiche „Altenbergianer“/„Von der Wiege bis zur Bahre“). Sie beuteten die Arbeitskraft ihrer Beschäftigten aus, zahlten häufig schlechte Löhne, ließen Kinderarbeit zu und kümmerten sich wenig bis gar nicht um widrige Arbeitsbedingungen, solange die Produktion weiterlief und finanzielle Gewinne erzielt werden konnten. Das Machtverhältnis zwischen Arbeiterschaft und Unternehmen führte zu einer Verfestigung gesellschaftlicher Schichten („Leben in Klassen“). Arbeiter stiegen in der Regel nicht auf, blieben also abhängig und ohne Vertretung, während das Bürgertum eine wohlhabende und politisch mächtige Gruppe bildete („Hütten und Paläste“/„Wir sind Arbeiter oder Bürger“). Als die Zustände unhaltbar wurden und Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend massive Armutskrisen entstanden, begannen Arbeiter, sich zu organisieren, Vereine und Verbände zu gründen und gemeinsam für ihre Interessen einzustehen.

Der Vorläufer einer der ältesten Parteien des Landes, der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), entstand 1863 als Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein (ADAV) genau in diesem Umfeld. Die folgenden Auseinandersetzungen, begleitet durch gewerkschaftsgestützte Streiks der Belegschaften, führten in den folgenden Jahrzehnten schrittweise zur Änderung der Verhältnisse. Kranken- und Rentenversicherungen wurden eingeführt, Kinderarbeit eingeschränkt, Arbeitsbedingungen verbessert und Löhne erhöht. All diese Fortschritte wurden durch dezidiert demokratisches Handeln erreicht: Menschen taten sich zusammen, legten Widerspruch ein und erstritten Rechte, die im 20. Jahrhundert zur Grundlage betrieblicher Mitbestimmung werden sollten (Bereich BB 8.1 „Wer hat das Sagen?“). Dies blieb lange Zeit nicht folgenlos. Viele Streikende wurden verletzt oder getötet, politisch aktive Arbeiter verfolgt und inhaftiert. Heute ist das Streikrecht zentraler Bestandteil des Grundgesetzes, sodass kein Streik durch Ordnungskräfte oder die Polizei willkürlich niedergeschlagen werden darf. (Weiterführend könnt ihr auch im Blog zur Montanmitbestimmung weiterlesen, und zwar hier.)

Wie bereits angedeutet, geht die neue Dauerausstellung über die Themen Industrie und Wirtschaft weit hinaus. Sie beleuchtet auch den Wechsel politischer Systeme und seine Auswirkungen auf die Region. Im Großbereich, der sich mit „Krisen und Kriege[n]“ auseinandersetzt, kann verfolgt werden, wie sich zunächst nach dem Zusammenbruch des Deutschen Kaiserreiches 1918 verschiedenste Gruppen (darunter revolutionäre wie die Spartakisten und die Rote Ruhrarmee) an neuen Gesellschaftskonzepten versuchten, die den Autoritarismus der wilhelminischen Monarchie überwinden sollten. Schließlich begründete die Weimarer Republik die erste Demokratie auf deutschem Boden, die 1919 unter anderem zum ersten Mal Frauen das Wahlrecht gewährte (Bereich „Mitbestimmen!“).

Zugleich wird die Ausstellung sichtbar machen, wie fragil demokratische Systeme sein können – so thematisiert ein weiterer Bereich den Zusammenbruch der krisengeschüttelten Republik und den Aufstieg des Nationalsozialismus im Ruhrgebiet. Die Diktatur von 1933 bis 1945 machte nicht nur viele demokratische Errungenschaften rückgängig. Sie verfolgte auch jene, die zuvor die Republik gestützt oder sich für weitergehende Demokratisierung eingesetzt hatten und nun in Opposition zur „neuen Zeit“ standen. Aus dem Ende der Republik in Deutschland erwuchs ein maximal repressives System. Freie Wahlen wurden abgeschafft, eine Einparteienherrschaft durchgesetzt. Statt einer Gesellschaft mit pluraler Teilhabe errichteten die Nationalsozialisten eine weitgehend „gleichgeschaltete“ und stromlinienförmige Ordnung, die persönliche Entfaltung, wenn überhaupt, nur innerhalb von NS-Organisationen zuließ. Minderheiten, die nicht dem nationalsozialistischen Bild einer homogenen „Volksgemeinschaft“ entsprachen, genossen fortan keinerlei staatlichen Schutz mehr und wurden Willkür und Terror ausgesetzt. Am Ende standen Krieg und Zerstörung (Bereich „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“).

Wahlurne aus braunen Holz mit Metallverschluss.
Eine Wahlurne aus Castrop-Rauxel, vmtl. um 1947, Inventarnr. rz 24/281,
Bild: LVR-Industriemuseum

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde 1949 mit der Bundesrepublik Deutschland die zweite deutsche Demokratie gegründet, deren Grundgesetz nicht nur demokratische Rechte festschreibt, sondern in Artikel 20, Absatz 4 alle Deutschen zum Widerstand ermächtigt, sobald irgendjemand (Einzelpersonen, Gruppen, Parteien oder sogar die Regierenden!) auf die Zerstörung des demokratischen Systems hinarbeitet. Neben vielen anderen verfassungsrechtlichen Schutzmechanismen sind dadurch auch die Bürgerinnen und Bürger aufgerufen, sich an der Verteidigung der Demokratie zu beteiligen.

Seither gab es immer wieder neue Bewegungen, die innerhalb dieser Demokratie auf Verbesserungen und Veränderungen gedrungen haben nicht zuletzt in Bezug auf die Industrie. Man denke nur an die Umweltproteste der 1970er und 1980er Jahre. Aus ihnen entstand unter anderem eine heute etablierte politische Partei (Bündnis 90/Die Grünen). Die Vehemenz von Demonstrationen und politischen Aktionen sorgte im Laufe der Zeit  – neben wirtschaftlichen Handlungszwängen – für ein derart hohes politisches und gesellschaftliches Bewusstsein für Umweltverschmutzung, dass es heute keine aktiven Steinkohlezechen und Atomkraftwerke mehr in Deutschland gibt. Ohne demokratische Beteiligung und demokratisches Handeln wäre das nicht möglich gewesen. Im Großbereich „Grenzen des Wachstums“ und auch im letzten Ausstellungsbereich, der bis in die Gegenwart ragt, zeigen wir das langsame Auslaufen der klassischen Industrie und den ökonomischen wie ökologischen Umbau hin zu erneuerbaren Energien und nachhaltigen Ressourcen, eng verknüpft mit Fragen nach Demokratie und Zukunft.

Plakat für eine Anti-AKW-Demonstration am 24. September 1977. In der Mitte ist das Logo "Atomkraft? Nein danke" platziert. Darunter befindet sich ein schwarzweißes Foto von Demonstranten, die ein Transparent vor sich her tragen. Auf dem Transparent steht: "Stop Atomenergie! Wir werden es verhindern Wegen unseren Kindern." Text: Internationale Demonstration: Kalkar 24.9.1977 10 Uhr Markt. Weg mit dem schnellen Brüter Kalkar. Weg mit dem Atomenergieprogramm. Demonstrationsrecht für alle!
Aus dem Bereich „Energie um jeden Preis?“: Plakat für eine Anti-Atomkraft-Demonstration in Kalkar,
Inventarnr. rz 16/256;
Bild: LVR-Industriemuseum

Dieser Überblick „im Schnelldurchgang“ verdeutlicht die wiederkehrende Rolle der Demokratiegeschichte in der neuen Ausstellung. Zum Abschluss sei noch auf eine Klammer hingewiesen, die alle benannten Bereiche bündelt. Sie findet sich in der Zentralachse, die die Ausstellungshalle durchlaufen wird, und trägt den Titel „Mutige Demokrat*innen“. Hier porträtieren wir Menschen, die sich – teils unter Einsatz ihres Lebens – in Oberhausen und der Region für demokratische Rechte und Mitbestimmung oder gegen Autoritarismus, Diktatur und Krieg eingesetzt haben. Wir lernen zum Beispiel das sozialdemokratische Ehepaar Böhme kennen, das sich gegen die autoritären Strukturen des Kaiserreiches behaupten musste. Weiter sehen wir den Bergmann Dietrich Tembergen, der 1942 in der Straßenbahn das NS-Regime kritisierte und dafür hingerichtet wurde (siehe dazu auch hier). Ebenso Helene Weber aus Elberfeld, die bereits als Reichstagsabgeordnete vor 1933 einen Beitrag zur Demokratie leistete, bevor sie nach dem Zweiten Weltkrieg eine der vier Mütter des Grundgesetzes werden sollte. Ihren Geschichten kann in der neuen Ausstellung nachgespürt werden.

So liefert das LVR-Industriemuseum Zinkfabrik Altenberg in Zukunft noch mehr als zuvor nicht nur Einblicke in die Wirtschafts- und Industriegeschichte, sondern auch in die wechselvolle Demokratiegeschichte an Rhein und Ruhr. Von der Mitbestimmung in Unternehmen und Streiks über Erfolge und Scheitern von Demokratie bis zu engagierten Menschen – all das zeigt, wie sich die deutsche Gesellschaft im Laufe der Zeit in eine zwar nicht perfekte – diese lässt sich wohl nirgends finden –, aber doch stabile Demokratie entwickelt hat. Diese hat mit dem Grundgesetz eine Verfassung, die schon länger als jede andere hierzulande eingeführte Verfassung hält – mittlerweile 77 Jahre lang. Und das ist am ersten „Tag der Demokratiegeschichte“ mit Sicherheit eine gute Nachricht.

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