Der Anzug besteht aus einem Blazer und einer etwas weiter geschnittenen Hose. Er stammt aus der Zeit zwischen 1965 bis 1975

Die erste Frau im Hosenanzug – Lenelotte von Bothmer

15. April 1970. Es ist ein Tag, der den Deutschen Bundestag für immer verändern wird. Lenelotte von Bothmer vollzieht den ersten Auftritt einer Frau im Hosenanzug. Dieser Akt bringt die Gleichberechtigung der Frau in Deutschland ein weiteres Stück voran und festigt sie in einer Demokratie, die sich immer wieder aufs Neue beweist. Ein ähnliches Modell des Hosenanzugs ist in der Sammlung des LVR-Industriemuseums vertreten und verweist somit im übertragenen Sinne auf ein Stück Demokratie- und Frauenrechtsgeschichte.

Ein Beitrag von Anna Blum

Wie ereignete sich der Vorfall? Der Bundestagsvizepräsident Richard Jaeger (CSU), der im Vorfeld angekündigt hatte, nie eine Frau im Hosenanzug im Plenum zu dulden, war Auslöser des Affronts. Und das zu einer Zeit, in der ein neues Frauenbild entsteht, die Jugend besser über Sexualität aufgeklärt wird, Student*innen protestieren und Willy Brandt erster SPD-Kanzler ist. Jaeger war damals bekannt für seine sehr konservativen Ansichten. Eine Frau eine Rede im Hosenanzug im Bundestag halten zu lassen, käme aufgrund dessen sowieso nicht für Jaeger in Frage.

Der Anzug besteht aus einem Blazer und einer etwas weiter geschnittenen Hose. Die Figurine schmückt noch ein bunter Schal und schwarze Schuhe
Beigefarbener Hosenanzug mit Accessoires und Schuhen aus der Zeit von 1965 bis 1975
Bild: LVR-Industriemuseum

Zwar ist es Frauen zu jener Zeit nicht direkt verboten, statt Röcken Hosen im Bundestag zu tragen. Jahrzehntelang gepflegte Grundsätze sehen allerdings für Abgeordnete beider Geschlechter bestimmte Kleidungsstücke vor. Liselotte Funcke, Bundestagsvizepräsidentin der FDP, ist von Jaeger nicht aufzuhalten und will eine Frau im Hosenanzug im Bundestag. Da sie selber die Aufgabe nicht übernehmen kann, beschließt sie, innerhalb der weiblichen Abgeordneten nachzufragen, wer diese Aufgabe übernehmen könnte. Nie zuvor hat eine Abgeordnete dem ungeschriebenen Gesetz zuwidergehandelt. Lenelotte von Bothmer, SPD-Abgeordnete und eigentliche Rockträgerin, sagt zu. Von Bothmer erscheint als erste Frau in einem beigefarbenen Hosenanzug, wie er auch im LVR-Industriemuseum in der neuen Dauerausstellung gezeigt wird.

Der Auftritt entwickelt sich zu einem Skandal. Es kommt zu Zwischenrufen und Beschimpfungen durch zahlreiche Abgeordnete. Etwa ein halbes Jahr später hält von Bothmer ihre erste Rede im Hosenanzug. Abgeordnete quittieren auch diesen Auftritt mit Zwischenrufen jeglicher Art, außerdem gibt es böse Blicke von Jaeger auf seinem Präsidentenstuhl. Doch die Abgeordneten können nichts tun, da Lenelotte von Bothmer nicht rechtswidrig handelt. Die kleine Rebellion ist geglückt.

Ihr Handeln bleibt für sie weitestgehend folgenlos, bis auf die Briefflut, die nach ihrem Auftritt auf sie einprasselt. Bis zu ihrem letzten Jahr als Bundestagsabgeordnete 1980 wird der Hosenanzug ihr Markenzeichen und ein Zeichen für den Kampf um neue gesellschaftliche Normen bleiben. Der Hosenanzug von Bothmers bestand, wie auch das Modell im Museum, aus beigefarbenen Hosen und einer passenden Kostümjacke. Bemerkenswert dabei ist, dass Hosenanzüge für Frauen Anfang der 1970er Jahre keine Taschen enthielten. Das änderte sich erst ein paar Jahre später. Frau von Bothmer musste deshalb mit einer Handtasche ans Rednerpult, wie viele Bilder Ihres Auftritts zeigen. Auch bei unserem Sammlungsstück in unserem Ausstellungsbereich fehlen die Taschen.

Der Hosenanzug wird in unserer neuen Dauerausstellung in einem Bereich zur Mode der 1970er Jahre ausgestellt. Ihm gegenüber wird die Figurine einer Frau im Minirock gezeigt. Auch die Männermode erfährt eine Gegenüberstellung. Eine Figurine zeigt männliche Jeans-Mode und die andere Figurine die Mode eines zeitgenössischen „jugendlichen Rentners“.

Vier Figurinen in der Vitrine. Frauen und Männerkleidung wird sich gegenübergestellt. Die Figurinen haben Objektnummern und der Platz für die Texte an der Vitrine ist gekennzeichnet.
Entwurf der Vitrine im Bereich „Jeder nach seinem Geschmack“
Bild: LVR-Industriemuseum

Die 1970er sind eine Zeit, in der Stereotype weitestgehend aufbrechen, während Konsum gleichzeitig auch Identität bedeutet. Der Zeitgeist wandelt sich massiv und viele neue Lebensrealitäten sind möglich. Verschiedene Modestile existieren somit parallel nebeneinander her.

Der Auftritt Frau von Bothmers fällt in eine Zeit, in der Frauen nur erwerbstätig sein dürfen, wenn dies mit ihren „Pflichten in Ehe und Familie“ vereinbar ist. Erst 1977 und vor allem 1980 mit dem neuen Gesetzentwurf zur Berufstätigkeit von Männern und Frauen ändert sich die oben genannte Klausel. Bemerkenswert ist ebenfalls, dass Frauen erst ab 1969 voll berufstätig sein dürfen und der Auftritt von Bothmers im Hosenanzug 1970 somit ein Statement als berufstätige Frau setzt. Auch besteht zu dieser Zeit noch der bekannte „Schwulen-Paragraf“ 175, der Beziehungen zwischen Männern unter Gefängnisstrafe stellt. Ein gewagter Auftritt in einer restriktiven Zeit also.

So konservativ der beigefarbene Anzug im Vergleich zum Minirock erscheint, schmälert er nicht die kleine Revolution, die er durch den Auftritt Lenelotte von Bothmers ausgelöst hat. Konsum und Identität gehen eben nicht erst seit heute miteinander einher. Dieser Beitrag orientiert sich an der Berichterstattung des WDR von 2010.

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