Der 21. Mai ist seit 2002 UNESCO-Welttag der kulturellen Vielfalt. Passend dazu hat die Initiative kulturelle Integration den bundesweiten Aktionstag „Zusammenhalt in Vielfalt“ ins Leben gerufen. Er wird in diesem Jahr erstmals begangen und genießt prominente Unterstützung aus Politik, Medien, Kultur und Gesellschaft. Auch wir möchten uns beteiligen! Als eine Fortsetzung unseres Beitrags zum Tag der Demokratiegeschichte beleuchten wir heute die neue Dauerausstellung der Zinkfabrik Altenberg aus dem Blickwinkel des Themenkomplexes „Vielfalt“.
Ein Beitrag von Martin Kauder
„Jede Jeck is anders.“ Vielleicht haben manche Leserinnen und Leser diesen Satz schon einmal gehört. Er ist eines der bekanntesten Sprichworte aus dem „kölschen“ Dialekt. Der Landschaftsverband Rheinland mit Hauptsitz in Köln hat sich die Bedeutung des Sprichwortes zu Herzen genommen. Jeder Mensch ist einzigartig und unterscheidet sich von anderen. Und deshalb ist auch die Gesellschaft, in der wir leben, von der Einzigartigkeit und Unterschiedlichkeit ihrer Mitglieder geprägt. Diese Vielfalt – Viele sagen heute auch „Diversität“ – macht das Leben reicher und spannend. Wie langweilig es wohl zuginge, wenn alle genau gleich wären?

Bild: Kathleen Bayer / LVR
Die Rhein-Ruhr-Region ist da keine Ausnahme. In ihr leben 14 Millionen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Sprache sowie verschiedenster kultureller und sozialer Prägungen zusammen. Das ist übrigens schon sehr lange so. Historische Entwicklungen haben bedingt, dass sie heute so bunt zusammengesetzt ist. Die neue Dauerausstellung der Zinkfabrik Altenberg setzt auch deshalb die Erfahrungen der Menschen, die hier in der Vergangenheit lebten und arbeiteten, in den Mittelpunkt. Über sie lassen sich die Vielfalt historischer Prozesse und auch die der Region viel besser darstellen. Im Folgenden stellen wir drei Beispiele aus der Ausstellung genauer vor.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erfolgte – nicht nur im Ruhrgebiet – Schritt für Schritt der Wiederaufbau der durch den Bombenkrieg zerstörten Städte und Industrieanlagen. 1948 wurde in den drei westlichen Besatzungszonen die Deutsche Mark als Währung eingeführt. Nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 begann ein ökonomischer Aufschwung, den man bald „Wirtschaftswunder“ nannte. Die Produktion wuchs schnell und stark, der Lebensstandard stieg merklich an und die Entbehrungen der Nachkriegszeit kamen an ihr Ende. Bald wurde klar, dass die Zahl der einheimischen Arbeitskräfte nicht mehr ausreichte, um diese Entwicklungen zu stützen. In den 1950er und 1960er Jahren warb die Bundesregierung deshalb in großer Zahl „Gastarbeiter“ – Arbeitskräfte aus dem Ausland – an. (Darüber haben wir schon einmal hier berichtet.) Im Laufe der Zeit kamen so Menschen aus Italien, Griechenland, der Türkei und vielen weiteren Ländern nach Deutschland. Sie begründeten hier eine neue Existenz, holten bald ihre Familien nach und brachten dabei Dinge mit, die heute selbstverständlich scheinen – wer würde noch ohne Kebab und Pizza auskommen wollen? Doch natürlich kann man den Einfluss der damals Eingewanderten nicht auf Leckereien reduzieren. Inzwischen leben die Nachkommen der ehemaligen „Gastarbeiter“ in dritter und vierter Generation hier, sie sind elementarer Bestandteil der Gesellschaft und gestalten diese aktiv in Wirtschaft, Politik und Kultur mit. Der Ausstellungsbereich „Gast-Arbeit“ fragt nach Herausforderungen, Identität und Teilhabe sowie den Auswirkungen der Einwanderung in Oberhausen und der Region. Neben der strukturellen Einwanderung setzt die Ausstellungseinheit dabei einen Schwerpunkt auf ausgewählte persönliche Geschichten und Blickwinkel.

Menschen drücken ihre Identität auf unterschiedliche Weise aus, je nachdem, welche Interessen und Bedürfnisse sie haben. Seit den 1960er, und nochmals verstärkt seit den 1970er Jahren, entstand besonders unter Jüngeren der Wunsch, sich individueller und freier auszudrücken und aus althergebrachten Normen auszubrechen. Nicht zuletzt befeuert von politischen Debatten jener Jahre änderten sich Verhaltensmuster und die Art, sich zu präsentieren. Wie man lebte, wurde zunehmend zum Ausdruck der eigenen Persönlichkeit und Haltung. Statt sich von außen in bestimmte Muster zwängen zu lassen, entfaltete man sich nun von innen. Das Ergebnis war eine deutlich größere Vielfalt im öffentlichen Raum und eine stärkere Sichtbarkeit verschiedener Typen und Identitäten. In den Ausstellungsbereichen „Jeder nach seinem Geschmack“ und „Anders leben“ haben wir mehrere Figurinen entworfen, also lebensgroße Körpermodelle – ähnlich wie in Schaufenstern. Sie stehen beispielhaft für verschiedene Typen. So finden sich konservative und offenere Kleidungsstile, aber auch ein Punk und eine der alternativen Szene zugehörige Figur. Beigefügt sind ihnen Accessoires und andere passende Objekte wie Schallplatten oder Magazine. Sie sollen zeigen, wie die zunehmende gesellschaftliche Liberalisierung der 1960er und 1970er Jahre auch zu einer Zunahme vielfältiger, individueller Ausdrucksmöglichkeiten führte.

Ein Dreh- und Angelpunkt der Ausstellung ist die Geschichte der Zinkfabrik Altenberg selbst. Da wir das Glück haben, an einem erhaltenen Originalschauplatz die Geschichte(n) der Region präsentieren zu können, bietet es sich an, das Gelände als festen Pfeiler in die Ausstellungserzählung zu integrieren. Die Geschichte der Zinkfabrik beginnt Mitte des 19. Jahrhunderts, zu einer Zeit, als Menschen hierzulande in sehr festgefügten Verhältnissen lebten. Von gesellschaftlicher Vielfalt konnte kaum die Rede sein; stattdessen dominierten die Regeln einer sich verfestigenden Klassengesellschaft (Bereich „Alltag in der Klassengesellschaft“). Beinahe 130 Jahre lang war die Fabrik als industrielle Produktionsstätte in Betrieb. Als sie 1981 schloss, war die ehemalige Klassengesellschaft längst gewichen. Nun stellte sich aber die Frage, was aus der stillgelegten Fabrik werden sollte. Wie konnte eine mögliche Neunutzung aussehen? Schnell etablierten sich Vertreterinnen und Vertreter neuer Gegen- und Untergrundkulturen, die Fabrik wurde Teil eines massiven Strukturwandels. So fanden beispielsweise Theater- und Kabarettaufführungen auf dem Gelände statt. Der Initiativkreis Altenberg e. V. warb mit Kampagnen und Demonstrationen für die Einrichtung eines Bürgerzentrums. Die Fabrik entwickelte sich im Laufe der Zeit zum Ort kultureller Begegnung. Der LVR schloss sich der Umnutzung Altenbergs an und eröffnete 1997 das Rheinische Industriemuseum, das heutige LVR-Industriemuseum Zinkfabrik Altenberg (Bereich „Eine andere Zukunft für die Zinkfabrik“).


Bild: LVR-Industriemuseum, Sg. rz130767-037

So ist die Zinkfabrik heute Vieles. Museum, Bildungseinrichtung, kulturelles Zentrum, Anlaufstelle für Menschen in Notlagen, Konzert- und Partylocation. Eine Reihe unterschiedlicher Institutionen hat hier ihren Platz gefunden (siehe hier). Altenberg ist lebhafter Teil der Oberhausener Stadtkultur und weit darüber hinaus. Die Beispiele aus der Ausstellung zeigen: die Geschichte der Zinkfabrik berührt eine Reihe von Feldern, die sich unter dem Dachbegriff „Vielfalt“ zusammenführen lassen. Im Verbund mit den anderen LVR-Industriemuseen und in enger Zusammenarbeit mit den weiteren Einrichtungen am Ort wird sie weiter daran mitwirken, bestehende Vielfalt in der Gesellschaft zu schützen und neue Vielfalt(en) zu stärken.
Zum Abschluss möchten wir noch auf den Veranstaltungskalender des Aktionstages „Zusammenhalt in Vielfalt“ hinweisen, der hier zu finden ist. Wir wünschen viel Freude beim Entdecken!