Winter in Winterberg.

Wintersport im Westen

Sonnenschein leuchtet durch die mit Schnee gezuckerten Bäume und entwirft ein Spiel aus Licht und Schatten, weiße, leicht abschüssige Hänge, das wohltuende, knirschende Geräusch unter den Füßen, Kinderlachen, „Aus dem Weg“- Rufe und rasante Abfahrten – ein Winterwunderland mit Sportcharakter! Wer jetzt an das Allgäu, die Alpen, Österreich oder Bayern denkt, hat nicht unrecht, aber diese Beschreibungen passen genauso zu Nordrhein-Westfalen und selbst zum Ruhrgebiet.

Ein Beitrag von Sara-Marie Demiriz

Mit dem Zug ins Sauerland

Der Boom des Wintersports in NRW ist eine Entwicklung der Nachkriegszeit. Gerade das Sauerland, dort zum Beispiel der bis heute beliebte Skiort Winterberg, lockt bereits seit Jahrzehnten Wintersportbegeisterte aus dem Ruhrgebiet und anliegenden Regionen. In den 1950er Jahren wurden hier die ersten Lifte „à la Alpen“ errichtet, die sogleich den Massentourismus förderten. So reisten Menschen aus Essen, aber auch aus anderen Ruhrgebietsstädten für ein paar Tage mit (Ski-)Sack und Pack per Zug ins Sauerland, um hier dem Skisport nachzukommen und im Anschluss die abendliche Gasthausgemeinschaft zu genießen.

Mit der Bahn zum Skifahren: Reisegruppe am Essener Hauptbahnhof, 1976; Fotos: Marga Kingler/Fotoarchiv Ruhr Museum

Heute sind es über 50 Lifte, die im Winter die Skifahrerinnen und Skifahrer auf den Berg bringen. Neben dem Ruhrgebiet werden auch aus den angrenzenden Bundesländern und den Niederlanden Menschen nach Winterberg gezogen. Hier zählen zusätzlich zum alpinen Skisport Bobfahren und Skispringen zu den beliebten Disziplinen, wobei letztere auch im Profibereich betrieben werden.

Die zahlreichen Ski-Clubs und Sportvereine mit Skisport-Abteilung in Nordrhein-Westfalen und im Ruhrgebiet sind ebenfalls Zeugnis der großen Skisportbegeisterung der hier lebenden Menschen. In Oberhausen gibt es beispielsweise die im Jahr 1982 gegründete Ski-Abteilung des BSC Oberhausen. Einige Vereinsmitglieder schafften es schon in den DSV-Kader. Der Verein „Ski-Club – Pistenraupen Oberhausen e. V.“ ist seit 2017 tätig und Mitglied im Westdeutschen Skiverband. Auch in Bergisch Gladbach, Remscheid, Solingen, Euskirchen, Leverkusen, Köln, Krefeld, Duisburg, Mülheim, Essen, Ratingen, Mettmann, Düsseldorf, Meerbusch, Mönchengladbach, aber auch in Recklinghausen, Gelsenkirchen, Dortmund, Bochum und Herne befinden sich Ski-Clubs – teilweise sogar mehrere pro Stadt.

Wintersport am „Hausberg“ und auf der Straße

Skifahrt auf dem Mechtenberg
Skikurse für Berglehrlinge der Zeche Bonifacius auf dem Mechtenberg in
Essen-Kray, Februar 1956; Foto: Marga Kingler/Fotoarchiv Ruhr Museum

Nicht immer mussten die Sport- und Schneebegeisterten weit weg fahren, um den winterlichen Sport ausüben zu können: Auch im Ruhrgebiet wurden zugefrorene Seen zur Schlittschuhbahn, Halden, Stadtparks und weniger befahrene Straßen zu Rodelrennbahnen und mancherorts – so am Mechtenberg in Essen – holten die Menschen ihre Alpin-Skier heraus. Für eine kurze Abfahrt mit anschließendem Aufstieg im Grätenschritt reichte es allemal!

Verabredungen zum Schlittenfahren per Mobiltelefon waren damals weder möglich noch nötig. Sobald der erste Schnee fiel – wenngleich manchmal noch die grüne Wiese durchschimmerte – holten viele Kinder ihre Schlitten heraus und machten sich auf zum nächsten „Rodel-Treffpunkt“. Für die Kinder in Gelsenkirchen und Essen war es der schon erwähnte Mechtenberg in Essen-Kray. Doch auch der Gelsenkirchener Stadtpark, Schloss Berge und der Bulmker Park waren beliebte Rodelstrecken – und sind es teils bis heute. In Herne trafen sich die mutigsten unter Groß und Klein an der Waldstraße. In Oberhausen waren der Kaisergarten und der Ruhrpark angesagte Treffpunkte für eine Rodelpartie. Fürs Schlittschuhlaufen lohnte sich eine Fahrt zur Sechs-Seen-Platte nach Duisburg.

Schlittenfahrt in Essen – Kindergruppen im Jahr 1976; Fotos: Marga Kingler/Fotoarchiv Ruhr Museum

Eishockey auf der Emscher vor der Kulisse des Oberhausener Schlosses, 4.1.1963; Foto: Hermann Feldmann/Stadtarchiv Oberhausen (Sg. K08S92b_OB60)
Kinder beim Schlittenfahren auf dem Schulweg
Schulweg und Rodelbahn –
Essen-Flintrop,1960er Jahre;
Foto: Kurt Wohlgemuth/Fotoarchiv Ruhr Museum

Das passende Gerät für die kalte Jahreszeit

Weltweit beachtete Schmiede von Wintersportgeräten wie Schlittschuhen waren damals die Polarwerke Engels + Sieper Kom. Ges. mit Sitz in Remscheid. Hier wurden auch sogenannte Gleitschuhe produziert. Für den sommerlichen Laufspaß stellte Polar außerdem Rollschuhe her. Alle drei Roll- und Gleitsporttypen konnten dabei ausgetauscht und je nach Wetterlage mittels Lederriemen unter dem eigenen Schuh befestigt werden.

Der Gleitschuh, der heute an Bedeutung verloren hat, besaß flache, fast fußbreite Kufen wie ein Schlitten und konnte laut Anleitung schon bei wenig Schneefall genutzt werden, um über den Schnee zu gleiten: „Schon eine dünne, feste Schneedecke genügt, um auf Wegen und Plätzen und auf Rodelbahnen den Gleitschuhsport zu betreiben“, erklärt die Polar-Gebrauchsanweisung.

Gleitschuhe des Herstellers Polar aus Remscheid, seit 2016 Teil der Sammlung des LVR-Industriemuseums,
Foto: LVR-Industriemuseum
Die dazugehörige Verpackung,
Foto: LVR-Industriemuseum

Die damals noch wenig von Autos befahrenen Straßen boten die ideale Strecke zum Gleiten. Vor allem die durch die Autoreifen teils vereisten und verdichteten Nebenstraßen wurden zu Austragungsorten von Wettkämpfen zwischen den Nachbarskindern. Damit waren die Gleitschuhe nicht nur für hochalpine Regionen ein ideales Sportgerät. In der Sammlung des LVR-Industriemuseums befindet sich heute ein Paar Gleitschuhe in der Originalverpackung von Polar. Es war ein Geburtstagsgeschenk der Tante des ehemaligen Besitzers – zum Einsatz gekommen ist es allerdings wohl nicht.

Ski-Hallen Neuss und Bottrop

Die Wintersportbegeisterung von Menschen aus der Region führte im Jahr 2001 zur Eröffnung von zwei Skihallen: Mit nur wenigen Tagen Vorsprung war die erste Skihalle Deutschlands die Skihalle in Neuss (Alpenpark Neuss), die zweite die Skihalle in Bottrop-Kirchhellen (alpincenter Bottrop). Letztere wurde an der Halde Prosperstraße errichtet – also auf den Aufschüttungen der Zeche Prosper-Haniel. Mit 640 Metern Pistenlänge gilt sie als die „längste Skihalle der Welt“. Die Skihalle ist damit Teil des Strukturwandels der Region und zeigt, wie das ehemalige Industriegebiet neu genutzt sowie wirtschaftlich, sportlich und touristisch neu erdacht wurde. Nicht zuletzt gehen diese Entwicklungen heute mit Fragen von Nachhaltigkeit und Klimaneutralität einher – Ausweis dafür ist die neue Photovoltaik-Anlage der Neusser Skihalle.

Die Skihalle in Neuss.
Foto: Stefan Didam, Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jever_Skihalle_Neuss.jpg?uselang=de, Creative Commons CC-BY-SA-3.0)
Das alpincenter Bottrop von oben,
Foto: Krd, Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Luftbild_Alpin-Center_Bottrop.jpg, Creative Commons CC-BY-SA-4.0)

Wintersportort – auch morgen?

Gerade der Blick in die Nachkriegsjahre zeigt, dass auch das Ruhrgebiet für einige Tage im Jahr zum Wintersportort – oder zumindest Winterspaßort – werden konnte. Die Betonung liegt bewusst auf vergangenen Zeiten, denn ein Blick in die Wetterentwicklung zeigt eine Abnahme von schneereichen Tagen. So gingen die Schneetage in Essen-Bredeney (150 Meter über Null) „von rund 24 Schneetagen auf 7 zurück, wenn man die Klimazeiträume ab den Sechziger und ab den 10er-Jahren vergleicht“. (WAZ – 9.1.2025, Thomas Mader).

Durch die Skihallen oder Sportevents, zum Beispiel dem Biathlon in der Arena auf Schalke, und die Begeisterung ihrer Menschen wird die Region jedoch sicherlich auch in Zukunft mit dem Wintersport verbunden bleiben.

Headerbild: Winterberg im Winter, Foto: Wikimedia Commons (Datei:Skiliftkarussell Winterberg.jpg – Wikipedia, Creative Commons Lizenz CC0 1.0)

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