Spätestens seit Mitte März 1945 ist absehbar, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis das Ruhrgebiet und damit auch Oberhausen von der nationalsozialistischen Terrorherrschaft durch die alliierten Streitkräfte befreit wird. Am 23. März 1945 übertreten die alliierten Truppen den Rhein. Aber es sollten noch einige Tage vergehen, bis in Oberhausen am 11. April 1945 die weißen Flaggen gehisst werden können und die Kriegshandlungen eingestellt werden.
Eine Zusammenfassung von André Wilger
In den letzten Kriegstagen erscheinen in Oberhausen keine Tageszeitungen mehr. Auch die Stadtverwaltung protokolliert oder dokumentiert die Ereignisse nicht mehr. Überall ist das nahende Ende des Zweiten Weltkrieges spürbar. Der sogenannte ‚Volkssturm‘ wird bereits im Oktober 1944 von den Nazis ausgerufen als letztes Mittel, diesen Krieg doch noch zu gewinnen. Alle männlichen Deutschen zwischen 16 und 20 Jahren werden wehrpflichtig. In der Nacht vom 23. auf den 24. März 1945 haben die alliierten Truppen zwischen Rees und Wesel den Rhein überschritten. Der Rhein galt als letztes natürliches Hindernis für den erfolgreichen Vormarsch der Alliierten nach Deutschland. Damit ist auch der Weg von Dinslaken und Kirchhellen nach Oberhausen frei. Am 25. März 1945 wollen deutsche Reichswehrsoldaten noch das Vorrücken der amerikanischen Truppen nach Oberhausen verhindern. Sie sprengen die Kanalbrücke in Dellwig und die GHH-Werksbahnbrücke nahe dem Hafen Walsum über der Emscher.
Durch diese Aktion aber lässt die sich seit langem abzeichnende militärische Niederlage nicht mehr verhindern. Einen Tag später, so berichten es Zeitzeugen steigt Rauch auf dem Hof des Oberhausener Polizeipräsidiums auf. Die noch verblieben Nazis vernichten belastendes Material sowie Beweise für Gräueltaten und setzen einen riesigen Berg an Akten und Unterlagen in Brand. Der 27. März 1945 bedeutet für Holten die Befreiung. Amerikanische Truppe marschieren ein
und besetzen den Stadtteil im Norden Oberhausens. Noch am gleichen Tag rücken die Truppen
nach Sterkrade Nord und Königshardt vor. Pfarrer Barchewitz wird als Bürgermeister von Klosterhardt eingesetzt. Landwirt Franz vorm Wald wird zum ‚Oberbürgermeister‘ ernannt, Anstreichermeister Hermann Heiken sein Stellvertreter.

Foto: Stadtbildstelle, Stadtarchiv Oberhausen, Signatur 712-073
Derweil setzt das NS-Regime seinen Terror fort. SS-General und Polizeiführer Gutenberger gibt den Befehl, zwei Männer standrechtlich zu erschießen, die angeblich weiße Fahnen gehisst haben sollen. Beide werden ohne Vernehmung in einem Bombentrichter an der Altenberger Straße erschossen. Es handelt sich um den Bergmann Friedenberg und den Kauenwärter
Thormann. Die tödlichen Schüsse ins Genick feuern die Gestapo-Beamten Marus und Bätsch
ab. Auch die absehbar wirkungslosen Sprengungen gehen weiter. Eine weitere GHH-Brücke wird auf Befehl der NSDAP-Kreisleiter Stiegler gesprengt und in der Nacht wird eine Schleusenkammer des Rhein-Herne-Kanals gesprengt. Stiegler handelt nach dem Prinzip „Verbrannte Erde“, nachdem nichts den vermeintlichen Siegermächten in die Hände fallen soll.
In der Nacht zum 28. März 1945 zieht sich die deutsche Wehrmacht aus Sterkrade und Sterkrade-
Nord zurück. Einige Soldaten setzte sich ostwärts nach Osterfeld und Bottrop ab, andere ziehen südwärts über den Kanal ab. Am Morgen erreicht die Infanteriespitze der Amerikaner die Autobahn und wenig später die Stadtmitte von Sterkrade. Sterkrade ist komplett von amerikanischen Truppen besetzt, Stadtoberinspektor Wagner wird als Ortsbürgermeister eingesetzt. An diesem Tag flüchten führende Funktionäre der NSDAP aus Oberhausen. Nazi-
Oberbürgermeister Bollmann sowie große Teile der Verwaltungs- und Polizeiführung setzen sich ab. Auch die Leitung der örtlichen NSDAP flüchtet. Dabei nehmen sie Lebensmittel, Kleidung, Benzinvorräte, Wertgegenstände und mehr als 8,8 Millionen Reichsmark aus den Tresoren der Stadtkasse und der Sparkasse mit. Der Konvoi setzt sich zunächst zum Bahnhof Mülheim ab. In einem Sonderzug soll die Flucht in Richtung Hannover gelingen. Bei Soest wird dieser Zug beschossen. Stadtrat Dr. Schnöring wird von Bollmann mit den Worten „Die Verwaltung muss sich nach Detmold absetzen. Sie bleiben hier und übernehmen die verantwortliche Führung der Stadtgeschäfte“ verabschiedet.

Am 29. und 30. März 1945 wird Osterfeld besetzt. Stadtamtsmann Schäfer wird als Ortsbürgermeister eingesetzt. In der Birkenhof-Siedlung wird noch vereinzelt
gekämpft. An der Vestischen Straße in Höhe der Kappellenstraße hat die Hitlerjugend unter der
GHH-Brücke noch eine sogenannte ‚Panzersperre‘ errichtet, die aber zügig von den Alliierten abgeräumt wird. Am selben Tag werden die GHH in Sterkrade sowie die GHH-Zechen besetzt. Diese werden kampflos übergeben. Obwohl die Lage offensichtlich vollkommen aussichtslos ist und die Wehrmacht Oberhausen bereits verlassen hat, ruft der kommissarische Kreisleiter der NSDAP, Tenter, zum Einsatz im Volkssturm bis zum Endsieg auf. Nachdem Hitler am 1. April 1945 das Ruhrgebiet zur sogenannten ‚Ruhrfestung‘ erklärt, wiederholt Tenter seinen Aufruf zur aktiven Abwehr. Man müsse Oberhausen „bis zum letzten Mann“ verteidigen. In seinem Aufruf von Ostern 1945 schreibt er: „Dem Feind setzen wir fanatischen Widerstand entgegen! (…) Oberhausen kapituliert nicht! Ich rufe alle Männer und Jungen zur aktiven Abwehr und
zu Einsatz im Volkssturm auf. Wir sind in guten Tagen mit Adolf Hitler marschiert – in schlechten nun erst recht! Am Ende steht trotzdem unser Sieg!“ In andere Quellen ist zu lesen, dass Tenter alle Gebäude in Oberhausen sprengen lassen will. Dies wird aber glücklicherweise nicht mehr befolgt.

Obwohl es in Osterfeld und Sterkrade keine direkten Kampfhandlungen mehr gibt, wird seitens
der deutschen Wehrmacht von Essen und Duisburg-Süd aus noch in Richtung Osterfeld, Eisenheim und Königshardt geschossen. Die Menschen in den betroffenen Gebieten verbringen weitere Tage in Stollen und Bunkern. Einige Tage später, am 9. April 1945, erreichen die amerikanischen Truppen mit Panzerverbänden den Westfriedhof in Lirich – es sind nur noch wenige Kilometer bis zur Einnahme von Alt-Oberhausen. Über die Kanalschleuse hinweg besetzen die ersten amerikanischen Einheiten Lirich. Noch am gleichen Tag tauchen die ersten amerikanischen Panzer in den Straßen von Alt-Oberhausen auf. Um Plünderungen zu verhindern, gründen kommunistische, sozialdemokratische und christliche Nazi-Gegner ein Antifa-Komitee und besetzen das Gewerkschaftshaus. Zwei Tage später, es ist der denkwürdige 11. April 1945, ist ganz Oberhausen von amerikanischen Truppen besetzt. Oberhausen ist von der Nazi-Diktatur und vom faschistischen Terror befreit. Die alliierten Truppen marschieren gegen 11 Uhr aus östlicher Richtung von Essen-Nord über die Falkensteinstraße und Ebertstraße. Die Panzer rücken ohne Gefechte und Gegenwehr nach Oberhausen ein. Das Hauptquartier der US-Militärregierung wird im „Hotel Ruhrland“ eingerichtet. Erster alliierter Stadtkommandant in Oberhausen wird Major Lund. Um die größte Not der Bevölkerung zu lindern, werden auf dem Bahnhofsvorplatz Feldküchen aufgebaut. Am darauf folgenden Tag, es ist der 12. April 1945, wird der aus Holland stammende Kaufmann Wilhelm Thyssen, der bis zu diesem Zeitpunkt bei der Oberhausener Firma Kempchen beschäftigt war, von der Militärregierung als Oberbürgermeister von Alt-Oberhausen eingesetzt. Major Lund geht zu Dr. Schnöring, stellt sich ihm als Kommandant vor und befiehlt die offizielle Übergabe der Stadt. Thyssen sollte dieses Amt aber nicht lange bekleiden. Im Oberhausener Heimatbuch aus dem Jahr 1964 wird folgende Episode
beschrieben: „Einige Tage nach seinem Amtsantritt erschien er (Anm: Thyssen) in einem Büro in
dem die inzwischen nach Oberhausen gekommenen Engländer die ersten Personalausweise ausgaben. Er trug den Hut auf dem Kopf und hatte eine Zigarette im Mund. Das gefiel einem ‚Tommy‘ nicht, und er hatte auch noch etwas dagegen, als Thyssen sich als Oberbürgermeister von Oberhausen zu erkennen gab. In einem Handgemenge wurde er übel zugerichtet und dann ins Gefängnis eingeliefert. Er erhielt seine Freiheit erst wieder, nachdem seine Frau eine Kaution von 3.000 RM bezahlte. Damit war Thyssens Karriere als Oberbürgermeister beendet.“
Opfer und Zerstörungen des 2. Weltkrieges in Oberhausen
In den 1960er Jahren gibt die Stadt Oberhausen eine Tabelle heraus, die Aufschluss über die Kriegsopfer in Oberhausen gibt. Demnach gab es insgesamt 10.188 Kriegsopfer zu beklagen. Darin enthalten sind die beurkundeten Todesfälle sowie die ausgesprochenen Todeserklärungen bis zum Dezember 1965. Davon waren 5.729 Wehrmachtsangehörige, 1.688 Zivilisten und 777 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter sowie 1.482 Todeserklärungen von Vermissten. Wilhelm Seipp listet im Oberhausener Heimatbuch (1964) folgende Zahlen auf: Von den 17.800 Wohngebäuden waren 10.120 zerstört oder erheblich beschädigt. Von 53.209 Wohnungen, die 1939 vorhanden waren, blieben nur 7% unbeschädigt. Total zerstört wurden 18%, schwer und mittelschwer beschädigt 36%, leicht beschädigt 39%. Von den 79 Schulgebäuden waren 5 total zerstört, 18 waren schwer beschädigt, 14 mittelschwer getroffen, und 42 leicht beschädigt. Das Stadttheater war ausgebrannt, das alte Rathaus zerstört. Viele Verwaltungsgebäude und öffentliche Gebäude waren getroffen. In Oberhausen wurden 161 Fliegerangriffe gezählt. Dabei wurden 11.078 Minen abgeworfen, 25.010 Sprengbomben, 356.208 Stabbrandbomben
sowie 38.837 Phosphorbrandbomben.

Zeitzeuge Bonmann berichtet
Über die letzten Tage und Wochen des Zweiten Weltkriegs in Oberhausen liegen einige Berichte von Zeitzeugen vor. Karl-Heinz Bonmann aus Lirich hat das Ende des Zweiten Weltkrieges und die Befreiung vom Nationalsozialismus als damals 17-jähriger erlebt. In einem Bericht aus dem Jahr 2015 beschreibt er den 11. April 1945 als einen bedeckten Tag. Es war recht ruhig und es gab keine Bombeneinschläge oder Artilleriebeschuss mehr. In einem Gedächtnisprotokoll schreibt er: „Die Menschen lagen in den Bunkern dreistöckig, d.h. mit Hilfe von Kartons wurden unter und über den Stellagen noch Schlafmöglichkeiten geschaffen. Lirich, Alstaden und Oberhausen wurden noch ständig von Tieffliegern beschossen und von der Artillerie. Die Bevölkerung konnte die Bunker nicht mehr verlassen. Ich selbst war seit Ende Januar 1945, 17-jährig, als Flakhelfer aus Krankheitsgründen auf Heimaterholung, dann sozusagen desertiert. Mein Vater war am 5.3.1945 zum Volkssturm eingezogen worden, worauf er nicht reagierte. Ich sollte ebenso zum Volkssturm, habe es auch einfach nicht gemacht. Es herrschte totales Chaos. Lebensmittel besorgten wir für die Leute im Bunker und für die Kranken bei Funke-Kaiser, wo wir, ohne Marken und gegen das Verbot der Parteiführung, Brot erhielten. Allen Gefahren zum Trotz – es gab noch genug Fanatiker – bewegten wir Sanitätshelfer uns, mit dem alten Opel meines Vaters, wohl auch angesichts unserer Jugend, unbekümmert im Stadtgebiet. Das Rote Kreuz war weg, so machten wir uns selbst eine Armbinde mit einem roten Kreuz, damit Tiefflieger uns verschonten. Meinem Vater, Dr. H. Bonmann, war 1935 die Praxis geschlossen worden. 1940 durfte er dann wieder praktizieren, aufgrund fehlender Ärzte in Lirich. Er betreute dann auf seine Initiative hin in Lirich den Krankenstollen; meine Mutter den Kreißsaal. Ich selbst hatte mir in unserem Haus im Keller einen Verbandsraum in den letzten Wochen eingerichtet. Ein angeblicher Sonderzug, der die Oberhausener Bevölkerung Ende März 1945 wegbringen sollte, ist mir nicht bekannt. Aufrufe der NSDAP habe ich laufend abgehängt, und, wie sie sehen, verwahrt. Darauf stand natürlich die Todesstrafe, aber daran dachte man nicht. Auch das Sammeln von Flugblättern der Alliierten war gefährlich – man hatte sie sofort im Braunen Haus abzugeben. Weiterzeigen und Verwahren war
‚Wehrkraftzersetzung‘, worauf die Todesstrafe stand. Die Stimmung unter den Menschen war gedrückt, geprägt durch Sorgen, Hunger, Tod von Angehörigen, Verwundungen und Flucht. In Lirich befanden sich fast 16.000 Menschen, die aus den nördlichen Stadtteilen, auch Dinslaken und Wesel, Duisburg, zunächst vor den alliierten Bomben geflohen waren, dann aufgrund von Artilleriebeschuss und Granaten der immer noch kämpfenden Wehrmacht sowie der alliierten
Tiefflieger zum Teil nicht zurückkehren konnten. Die Flugblätter und Zeitungen der Alliierte gaben uns Aufschluss, dass die Front immer weiter zusammengedrängt wurde. Auch darüber, wie sich die Bevölkerung verhalten sollte, damit die Besatzung ohne unnötige Opfer abläuft. Keiner wollte mehr weg, die, die gingen, wussten warum. In Lirich fand ich in den letzten Tagen ‚Wehrwolf-Zettel‘, die die Alliierten bedrohten – „Germany is your grave“ – vor dem Bunker und dem Quartier des amerikanischen Kommandanten in der Siebenbürgenstraße zuhauf, die ich schnell einsammelte, viele vernichtete und einen Teil verwahrte, damit die Amerikaner nicht glauben sollten, dass es in Lirich solche Gegenwehr gäbe. An den 11. April 1945 erinnere ich mich noch genau. Es herrschte eine totale Ruhe. Die Nachricht, dass die Amerikaner einrücken, veranlasste meinen Vater, sich beim Hauptquartier zu melden – ich sollte mit, um mit meinem Schulenglisch zu übersetzen, da er nur Französisch beherrschte. Ich stand doch etwas ängstlich
hinter ihm, als er den Amerikaner ansprach, um mitzuteilen, dass es in Lirich weder Wehrmacht noch Widerstand gäbe. Schon am nächsten Tag bekam er Insulin von einem deutschstämmigen Mitglied der Militärregierung für unsere Patienten. (…) Das erste Mal, dass wir was zu essen bekamen, war, als uns schwarze Soldaten Biskuits schenkten. (…) Sicher, es gab auch Plünderungen und Übergriffe von ehemaligen Zwangsarbeitern, die sich – verständlicherweise – rächten, aber das Schlimmste, die Dikatur war vorbei!“
In einem Interview (WAZ, 11. April 2015) ergänzt er seine Erinnerungen: „Kaugummi in der Backe,
schief sitzende Militärmütze auf dem Kopf, das Maschinengewehr in Vorhalt. Beim Einmarsch fiel uns allen eine große Last von den Schultern.“ Das Kriegsende sei eine große Befreiung gewesen. Bonmann erzählt von seinem Vater, der im Bunker unter der Zeche Concordia als Arzt tätig war. In den Stollen hatten 7.000 Menschen Schutz gesucht. Kranke wurden dort behandelt und viele Menschen starben. Sein Vater hatte den Tag der Befreiung herbeigesehnt. Er hatte sich gegen die Partei gestellt und sich geweigert, geistig behinderte Kinder zu melden. Deshalb wurde er vor Gericht gestellt und durfte ab 1934 nicht mehr als Knappschaftsarzt arbeiten. Karl-Heinz Bonmann hat es nie verwunden, dass sein Bruder nicht mehr aus dem Krieg zurückgekehrt ist. Auch war es für ihn traurig, zu sehen, dass Jahre nach dem Krieg die Nazis von früher ihre Posten wieder innehatten. Für ihn waren es weiterhin die Idioten in Braun.


Karin rettet Leben
Im Lesebuch „Wir Hoch- und Landesverräter – Antifaschistischer Widerstand in Oberhausen“ aus dem Jahr 1983 berichtet Hans Müller über das Kriegsende in Oberhausen. Hans Müller war beteiligt an einer illegalen Druckerei von Jugendlichen des Kommunistischen Jugendverbandes im Keller des Josefhospitals im Herzen Oberhausens. 1934 wird er von der Gestapo verhaftet, verbringt mehrere Monate in Untersuchungshaft, wird zu 4 Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach einer Inhaftierung im Zuchthaus Lüttringhausen wird er ins Emslandlager gebracht, muss dort Zwangsarbeit verrichten. Als er eigentlich entlassen werden soll, wird er ohne weitere Verurteilung ins Konzentrationslager Sachsenhausen verlegt. Im Mai 1941 kehrt er tief gezeichnet nach Oberhausen zurück.

In einer Tonbandaufnahme erzählt er 1982 seine Erinnerungen an das Kriegsende in Oberhausen. Hans Müller berichtet in seiner Erzählung von Karin. Karin war eine amerikanische Agentin. Sie hatte die Anschrift des Oberhausener Antifaschisten Wilhelm Lock in Amsterdam erhalten. Dort hatte sie Kontakt zu der Schwägerin von Wilhelm, Gertrud Lock, die dorthin emigriert war. In der Nacht war Karin mit einem Schlauchboot der Amerikaner über den Rhein-
Herne-Kanal nach Alt-Oberhausen übergesetzt worden. Im Gepäck hatte sie ein Funkgerät, mit dem sie mit dem Kampfoffizier auf der anderen Kanalseite ständig im Kontakt stand. Nun befand sie sich im Keller des Hauses Grenzstraße 35, in dem Wilhelm Lock wohnte. Der amerikanische Offizier konnte Karin mitteilen, wann nachts genau auf die Minute Artilleriebeschuss einsetzen und zu Ende gehen würde. Durch diese Informationen wussten die Antifaschisten, wann die nächste Feuerpause war und sie sich ohne Gefahr im Freien bewegen konnten. Diese Informationen konnten auch an Teile der Bevölkerung weiter gegeben werden, was sicherlich dazu geführt hat, dass viele in den Zeiten der Bombardierungen in den Bunkern blieben und überlebt haben. Auch Informationen aus Oberhausen, die für die Alliierten von Bedeutung waren, konnten über den Funkkontakt durch Karin übermittelt werden. So war den Alliierten bekannt, dass es den Fluchtsonderzug, mit dem Nazi- Größen, führende NSDAP-Vertreter und ein Großteil der Nazi- Stadtverwaltung fliehen wollten, geben wird. Eigentlich sollten damit ja auch Oberhausener Frauen und Kinder fliehen, aber in Mülheim war der Zug bereits mit NSDAP- Mitgliedern besetzt, so dass fast alle Frauen und Kinder wieder in die Bunker zurückkehrten. Den Alliierten war dies bekannt und so wussten sie, wer darin anzutreffen sei. Der Zug wurde in der Gegend von Soest bombardiert, wodurch auch viele Nationalsozialisten umkamen. Zunächst hatte Hans Müller keine Möglichkeit, Karin persönlich kennenzulernen. Es wurde sehr viel Wert darauf gelegt, dass Karin unentdeckt bleibt. Erst als die Amerikaner Oberhausen am 11. April 1945 befreit hatte, kam es zu einem Treffen. Karin erzählte Hans Müller, dass sie eigentlich Schauspielerin war und fließend holländisch, französisch, englisch und deutsch sprach. Sie äußerte den Wunsch, einmal die Antifaschisten kennenzulernen, die in den letzten Wochen dabei gewesen sind. Das Treffen fand in der Wohnung von Menne Freriks in der Lothringer Straße statt. Ein amerikanischer Soldat hatte Wein besorgt und gemeinsam tranken sie darauf, dass nun alles vorbei ist.

Headerbild: Karl-Heinz Bonmann aus Lirich hat als Jugendlicher sogenannte „Feindpropaganda“ gesammelt. Die Flugschriften sind von den Alliierten aus der Luft abgeworfen worden
und sollten die Bevölkerung Oberhausens informieren. Hier: „Ei sörrender“, was im englischen „I surrender“ bedeuten sollte. Übersetzt heißt dies „Ich ergebe mich“
Digitales Archiv der Geschichtswerkstatt.
