Heute tönt es bei „Neues Zeug“! Wir berichten über ein ganz besonderes Klangmedium und seine nachhaltige Wirkung auf die Popkultur im Ruhrgebiet und weit darüber hinaus. Auch in unserer neuen Dauerausstellung wird es eine Rolle spielen. Die Rede ist von: der Schallplatte!
Ein Beitrag von Martin Kauder
Flache Scheibe – runde Sache! Die Schallplatte feiert seit einigen Jahren ein unerwartetes Comeback. Immer mehr Menschen entscheiden sich wieder dazu, ihre Musik nicht digital auf dem Handy, Computer oder Mediaplayer zu hören. Die Plattenläden boomen. Unter den klassischen, physischen Tonträgern hat sich damit das „Vinyl“, wie die Schallplatte auch gern genannt wird, als besonders langlebig erwiesen. Das ist umso erstaunlicher, als es im Laufe der Zeit schon mehrfach von moderneren Technologien abgelöst werden sollte. Die sind aber inzwischen selbst aus den Regalen verschwunden. CDs und in kleinerem Umfang Musikkassetten (MCs) kann man heute noch kaufen. Aber wer, besonders unter den Jüngeren, könnte erklären, worum es sich bei DAT oder MD handelt?

Die Geschichte der Schallplatte reicht bis in die 1880er Jahre zurück, als erstmals Versuche unternommen wurden, Ton mithilfe stabiler Speicher festzuhalten und wiederholt abspielbar zu machen. Die von Emil Berliner (1851–1929) vorgestellte Idee einer Platte, in die durch Schwingungsübertragung des Tons eine kreisförmige, endlose Rille geritzt wird, die anschließend von einer Stahlnadel abgetastet und über einen mechanischen Lautsprecher zum Klingen gebracht werden kann, setzte sich schließlich durch. Von da an war der Siegeszug der charakteristisch pechschwarzen Scheibe nicht mehr aufzuhalten. Sie prägte jahrzehntelang den weltweiten Musikkonsum und wurde zur einmaligen Erfolgsgeschichte. Erst fand sie als zerbrechliche Schellackplatte auf sogenannten „Grammophonen“ Verwendung, ab 1948 dann als leichte Kunststoffplatte in Jukeboxen und auf elektrischen Plattenspielern mit Diamant- oder Saphirnadel.
Mit der Einführung der digitalen CD (Compact Disc) 1982 schien das Ende der Schallplatte besiegelt. Tatsächlich sanken die Verkaufszahlen schnell. Doch seit den frühen 2010er Jahren geht es wieder aufwärts. Nicht nur werden wieder neue Platten gepresst. Auch Börsen und Märkte, auf denen fleißig gebrauchte Platten und Raritäten – „Schwarzes Gold“ – gesammelt, gekauft und getauscht werden, erfreuen sich großer Beliebtheit.
Doch worin liegt der besondere Reiz? Sind Schallplatten nicht old school und einfach ein Lifestyletrend für Hipster? Tatsächlich geht der Beginn des jetzigen Vinylbooms auf Retrokampagnen zurück. So gibt es zum Beispiel günstige, aber technisch mangelhafte Plattenspieler im Look der 1950er Jahre, die auf Kommoden schick aussehen und angeblich das „Feeling von damals“ zurückholen sollen. Inzwischen schätzt man aber auch wieder die unüberseh- (oder unüberhör-)baren Vorteile der Schallplatte. In Zeiten, in denen vor allem das digitale Streamingangebot die Art bestimmt, wie wir Musik und andere Inhalte konsumieren, bietet die Schallplatte eine Rückzugsmöglichkeit von dessen Schnelllebigkeit. Hier gehört mehr dazu. Sie bietet quasi Musik zum Anfassen. Große Cover mit ansprechendem Motiv – manche davon zum Aufklappen –, Lesebeilagen und Extras, das Ritual des Auflegens auf den Plattenteller und das leicht ploppende Aufsetzen der Nadel, das anzeigt, dass es endlich losgeht: all dies verstärkt für viele Menschen den Genuss der Musik. Man nimmt sich so auch mehr und bewusster Zeit zum Musikhören. Ein einfaches Weiterklicken oder –tippen wie auf dem Smartphone funktioniert hier nicht. Da muss man wenigstens einmal aufstehen, wenn der Song nicht gefällt. Schallplatten bieten außerdem eine große inhaltliche Vielfalt, die dem Streaming durchaus Konkurrenz machen kann. Nichts, was es auf ihnen nicht zu hören gäbe – unzählige verschiedene Musikgenres, Hörspiele, Theater- und Kabarettmitschnitte und vieles mehr. In dieser Welt zu stöbern und Neues zu entdecken macht einfach Spaß! Nicht zuletzt bietet die Schallplatte (besonders mit der richtigen Ausrüstung) einen warmen, analog-dynamischen Sound, der sich vom für Viele oft überlauten Klang des Streamings deutlich unterscheidet.

In ihrer Vielfalt war und ist die Schallplatte ein Zeugnis lebendiger (Pop-)kultur, das sich in unterschiedlichster Form ausdrückt. Ihren Höhepunkt erlebte sie zwischen den 1960er und 1980er Jahren. Ganze Generationen wurden durch Alben geprägt, die sie das erste Mal als LP in eigenen Händen hielten, seien es populäre Rockalben wie „The Lamb Lies Down On Broadway“ von Genesis oder auch Komikprogramme wie „Otto die Zweite“ von Otto Waalkes, einem der beliebtesten Humoristen Deutschlands. Das kleine Geschwisterkind, die 45er-Single mit jeweils einem Lied auf der A- und B-Seite, wurde rege getauscht, verschenkt oder später zum Überspielen auf sogenannte Mixtapes verliehen. Die aus heutiger Sicht oft bieder und angestaubt wirkenden Gesellschaften der alten Bundesrepublik wie auch der DDR scheinen durch wenig mehr versinnbildlicht zu werden als durch den deutschen Schlager, der millionenfache Plattenverkäufe verzeichnen konnte. Kaum ein Haushalt ohne Heino und ZDF-Hitparade im Regal.


Überhaupt: ohne die massenhafte Verbreitung von Platten an Radiosender und ihren Verkauf in den Geschäften wären große Karrieren im Musikgeschäft wie jene der Beatles seinerzeit undenkbar gewesen. Heute reichen dafür womöglich ein einziges Youtube-Video oder ein TikTok-Short. In der Undergroundszene kursierten und kursieren Bootlegs, also inoffizielle Künstleraufnahmen, illegal gepresst und mit teils hohem Wert. Und in den angesagtesten Kellerclubs benutzen DJs nach wie vor Platten zum Mixen. Für sie fühlt sich die Musik so echter und unmittelbarer an als mit einem digitalen Mischpult. Vor allem führen Schallplatten im wahrsten Sinne des Wortes Menschen zusammen. Man kann sich austauschen, die neuesten Tipps erfragen oder einfach gemeinsam Musik genießen und in andere Welten abtauchen, egal, welchen Stil man selbst favorisiert.
Wie vielerorts hat sich die Plattenkultur im Ruhrgebiet niedergeschlagen. Zum einen sind da eine Vielzahl bekannter Läden und Geschäfte, so der Rock Store in Essen oder der Discover Record Store in Bochum, wo seit 1976 bzw. 1985 Schallplatten verkauft werden.
Zum anderen haben manche Eigenheiten, Traditionen oder Klischees des „Potts“ Verbreitung über den Weg der Schallplatte gefunden. Zwei tolle Beispiele: Herbert Grönemeyer, der mit seinem Album „4630 Bochum“ (1984) nicht nur die Postleitzahl einer Stadt, sondern das Lebensgefühl einer ganzen Industrie- und Kulturregion landesweit bekannt machte, sowie der Kabarettist Jürgen von Manger, der als „Adolf Tegtmeier“ mit Ruhrschnauze und naivem Blick auf die Welt sein Publikum zum Lachen brachte.

Herbert Grönemeyer, „4630 Bochum“;
Foto: LVR-Industriemuseum

Foto: LVR-Industriemuseum, Sg. ra170012b
In unserer neuen Dauerausstellung werden eine ganze Reihe interessanter Schallplatten zu sehen sein, mit und ohne Bezug zum Ruhrgebiet. Aus unserem Sammlungsbestand und neu hinzukommenden Konvoluten stellen wir dafür eine passende Auswahl zusammen. Was genau, wird noch nicht verraten, aber es wird spannend!
Die Schallplatte ist Datenträger und Speicherplatz, ein Stück Technik eben. Für alle die, die sie benutzen, ist sie aber auch so etwas wie ein Sehnsuchtsort. Gefühle und Geschichten sind mit ihr verbunden, die Freude an der Musik und am Leben. Und in sehr vielen Platten, die momentan irgendwo auf dem Keller oder dem Dachboden liegen, steckt manche wichtige Erinnerung. Für den Autor heißt das: wer sie noch nicht entdeckt hat, sollte sich schleunigst daranmachen! Das Team des LVR-Industriemuseums wünscht Ihnen und Euch viel Spaß dabei!
Headerbild: Pixabay, Fotograf: tiburi, https://pixabay.com/photos/vinyl-retro-music-disc-record-1595847/; Pixabay Content License


