Mein Lieblingsobjekt: Der Henkelmann

Die Dauerausstellung „Schwerindustrie“ des LVR-Industriemuseums Zinkfabrik Altenberg in Oberhausen brachte ihren Besuchern seit 1997 die von Kohle und Stahl geprägte Geschichte des Ruhrgebiets näher. Im Frühjahr 2018 schloss sie nach gut zwei Jahrzehnten ihre Türen, um sich umfangreichen Umbauarbeiten zu unterziehen. In guter Erinnerung an die alte, und gleichzeitig voller Vorfreude auf die neue Ausstellung, dachten ein paar kreative Kollegen, dass diese Zwischenzeit eine gute Gelegenheit darstellt, um Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, einige Ausstellungsstücke zu präsentieren, die uns Mitarbeitenden besonders ans Herz gewachsen sind.

Ein Beitrag von Nathalie Deutsch

Bei meinem Lieblingsobjekt handelt es sich um ein kleines, eher unscheinbares Ausstellungsstück. Die schlichte braune Farbe und die nicht sonderlich exponierte Platzierung in der alten Dauerausstellung führten dazu, dass das Objekt relativ wenig Beachtung fand. Viele Besucher liefen an der Vitrine vorbei, ohne wirklich hineinzuschauen. Mir selbst ist das Exponat bei meinem ersten Rundgang durch die Dauerausstellung überhaupt nicht aufgefallen. Und trotzdem habe ich genau dieses Stück zu meinem Liebling auserkoren: Ein braun emaillierter Henkelmann aus der Zeit um 1920.

Für die europäische Bevölkerung längst vergangener Zeiten fanden Leben und Arbeit häufig unter einem Dach statt. Das Mittagsessen wurde zu Hause im Kreis der Familie eingenommen. Mit der Industrialisierung änderte sich diese jahrhundertealte Lebensweise drastisch. Der Mensch arbeitete nun nicht mehr zu Hause oder in direkter Nachbarschaft, sondern in einer der neu errichteten großen Fabriken. Kantinen, wie viele Betriebe sie heute haben, gab es damals noch nicht. Die Arbeiter waren für ihre Verpflegung selbst verantwortlich. Es musste also ein Weg gefunden werden, zu Hause zubereitetes Essen mit an den Arbeitsplatz nehmen zu können. Der Henkelmann war geboren. Meist aus Blech und z. T. emailliert trat er seinen Siegeszug durch die Arbeiterschaft nicht nur des Ruhrgebiets an.

Im Laufe der Zeit etablierte sich der Henkelmann im Arbeitsleben und viele Unternehmen boten ihren Mitarbeitern bald Möglichkeiten an, ihr mitgebrachtes Essen in speziellen Wärmeapparaten per Wasserbad oder -dampf zu erwärmen. Bis in die 1960er Jahre war der Henkelmann, der seinen Namen dem Griff bzw. Henkel verdankt, mit dem der Behälter verschlossen wird, weit verbreitet. Mit zunehmendem Aufkommen von Betriebskantinen und Kunststoffdosen verschwand er jedoch allmählich aus dem Arbeitsleben.

Warum ist dieser kleine Behälter nun mein Lieblingsobjekt zwischen all den faszinierenden Maschinen, detailreichen Modellen und sonstigen spannenden Gerätschaften, die in der Dauerausstellung „Schwerindustrie“ in Oberhausen bewundert werden konnten? Ganz einfach: Für mich ist der Henkelmann eines DER Symbole für das Ruhrgebiet und seine industrielle Vergangenheit, die über Generationen prägend für die Menschen dieser Region war. Ende 2018 wurde in Bottrop die Zeche Prosper Haniel und damit die letzte Zeche im Ruhrgebiet geschlossen. Die jahrhundertealte Bergbautradition der Region findet somit ihr Ende. Schon heute haben viele Kinder, Jugendliche und auch junge Erwachsene keinen Bezug mehr zu Kohle und Stahl, kennen die „Malocher“ nur noch aus Geschichtsbüchern. Umso wichtiger ist es also heute und in Zukunft, die Erinnerung an diese identitätsstiftende Zeit im Ruhrgebiet in den Köpfen lebendig zu halten. Und dabei kann schon ein kleiner, unscheinbarer Henkelmann helfen.

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