Industriemuseen im Wandel: Die Aktualität eines facettenreichen Museumstyps (Teil 1)

Nach 20 Jahren erneuert das LVR-Industriemuseum Zinkfabrik Altenberg seine Dauerausstellung. Ist das ein Zeichen dafür, dass sich Industriemuseen schon überlebt haben? Weshalb reden wir über die Aktualität eines Museumstyps, der gerade einmal 30 Jahre alt ist? Vielleicht stellt sich die Frage, weil gerade die Generation derer, die den Museumszweig etablierte, abtritt. Der Reiz des Neuen ist vorbei. So stellt sich für die Industriemuseen durchaus die Frage, wie ihre Zukunft aussieht, wie aktuell ihre Mission noch ist.

Ein Beitrag von Dr. Walter Hauser

Anfänge

Das Museum ist eine bürgerliche Institution, ein Kind der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Sein Aufschwung resultierte aus dem Engagement des Bürgertums für „sein“ Museum, ruhte aber auch auf der akademischen Institutionalisierung von Disziplinen wie der Archäologie und Volkskunde. Das Industriemuseum machte sich daran, dies zu verändern; auch dabei spielten bürgerschaftliches Engagement ebenso wie Verschiebungen der akademischen Wissenslandschaft eine Rolle.

Kultur demokratisieren

Die ab Ende der 1970er Jahre gegründeten Industriemuseen setzten sich vom bürgerlichen Museum ab: Sie wollten nicht der Hochkultur huldigen, sondern die Alltagskultur der Arbeiter*innen ins Museum bringen. Zugleich wollte man ein breiteres Publikum ansprechen: Industriemuseen waren Teil der Bewegung einer „Kultur für alle“, die einen sozialen Bildungsauftrag verfolgte. Lange bevor vom partizipativen Museum die Rede war, wurde hier der Anspruch der aktiven Beteiligung der Menschen formuliert – so etwa im Gründungsbeschluss für das Rheinische Industriemuseum 1984.

Damit stehen die Industriemuseen am Beginn eines säkularen Demokratisierungsprozesses, der seither weite Teile des Kulturbetriebes erfasst hat. Der Anspruch, alle Menschen zu erreichen, hat von seiner Aktualität nichts verloren. Nur sind die Industriemuseum damit nicht mehr alleine.

Geschichte von unten erzählen

Idee und Praxis dieser „Industriekultur“ hatte verschiedene Wurzeln: zum einen die in den 1960er Jahren erfolgte Hinwendung der Geschichtswissenschaft zur Sozialgeschichte; zum anderen zivilgesellschaftliche Bewegungen einer „Geschichte von unten“, die insbesondere die Arbeiterschaft erfassen sollte. „Grabe wo du stehst“ war das Motto dieser Bewegung, die sich nicht nur an akademische Profis richtete, sondern in die Betriebe hineinging und die Arbeiter*innen ermutigte, ihre eigene Geschichte zu schreiben. Die daraus hervorgegangenen Geschichtswerkstätten waren eine Quelle der Industriekultur. Soziale Bewegungen „von unten“ eigneten sich die Fabriken an, retteten sie vor dem Abriss und machten sie zu selbstbestimmten Geschichtsorten.

Die Zinkfabrik Altenberg in Oberhausen, Zentrale des LVR-Industriemuseums, ist ein gutes Beispiel dafür. Bereits vor der Schließung der Fabrik 1981 hatte sich dort ein Initiativkreis gebildet, eine Bürgerinitiative, woraus sich ein seinerzeit überregional bekanntes soziokulturelles Zentrum der Alternativkultur entwickelte. Eine Initiative „von unten“ rettete also die Fabrik vor dem Abriss und verwandelte sie in einen Ort der Kultur. 1984 kam dann der Landschaftsverband Rheinland mit seiner Idee, in dieser Fabrik die Zentrale seines Industriemuseums einzurichten; man kann erahnen, dass alternative Selbstverwaltung und Großbehördenkultur damals nicht nur harmonierten.

Solche Konflikte sind heute weitgehend Vergangenheit; auf dem Gelände arbeitet auch noch immer neben und mit dem Museum eine der wenigen aus dieser Zeit übrig gebliebenen Geschichtswerkstätten. Letztlich teilen wir eine Idee, die unverändert aktuell ist: Geschichten der „einfachen Menschen“ zu erzählen, die an solchen Orten arbeiteten. Solche Geschichten erzählen heute allerdings auch viele andere Museen. Und man muss sie heute sicher anders erzählen als früher. Darum versuchen wir, das Museum in der Zinkfabrik noch einmal neu zu erfinden.

Strukturwandel bewältigen

Am Beispiel Altenberg wird ein zweites Motiv deutlich: die Bewältigung des Strukturwandels, des damals sich beschleunigenden Rückzugs der Fabriken und des schmerzhaften Übergangs in die Dienstleistungsgesellschaft. Die Entscheidung, mit dem Rheinischen Industriemuseum nach Oberhausen zu gehen, war eine strukturpolitische Entscheidung, die auch Arbeitsplätze schaffen und den Strukturwandel zumindest ein wenig abfedern sollte. Dabei hatten die Industriemuseen den Anspruch, diese Prozesse kritisch zu begleiten und Orientierung zu bieten. Sie waren damals auch noch ganz nahe an den Erfahrungen der Menschen. Diese Unmittelbarkeit ist heute verloren.

Strukturpolitische Motive für Museumsgründungen gibt es immer noch, das sind aber oft auch andere Museen. Vermutlich haben Museen diesen strukturpolitischen Anspruch selten so ganz einlösen können, sie können nur ein kleiner Baustein in einer umfassenden Strategie sein. Sie hatten aber immer eine wichtige Funktion als Erinnerungsort, der den Verlust einer vertrauten Lebenswelt verarbeiten half und diese konservierten. Je mehr diese Lebenswelt entrückte, desto mehr wurde daraus ein Moment der Nostalgie. Diese Wendung war von den Gründern nicht intendiert, aber wohl unvermeidbar. Ihren kritischen Impuls sollten die Industriemuseen dabei aber nie vergessen.

Konservieren

Industriekultur wollte verändern, aber sie wollte auch bewahren, das bauliche Erbe der Fabriken konservieren. Ein gutes Beispiel für den Kontext, in dem dies zu sehen ist, ist die Siedlung Eisenheim, in der das LVR-Industriemuseum bis heute eine Außenstelle betreibt: Das Museum verdankt sich einer in den 1970er Jahren Furore machenden Arbeiterinitiative, die sich als Widerstandsbewegung verstand und ein „Volks-Museum“ in einem der ehemaligen Waschhäuser der Siedlung einrichtete. Ihr Ziel war, den Abriss der Siedlung zu verhindern, die einer Hochhaussiedlung weichen sollte. Hier verband sich der sozialrevolutionäre Impetus mit dem bewahrenden Ansinnen einer neuen gesellschaftspolitisch inspirierten Industriedenkmalpflege.

Museum und Archiv der Initiative gingen später in das Rheinische Industriemuseum über – das kleine Volksmuseum gibt es heute noch. Über dessen bewegte Ursprünge ist die Zeit hinweggegangen. Immerhin: das Beispiel der bundesweit ersten unter Denkmalschutz gestellten Arbeitersiedlung machte Schule, im Ruhrgebiet blieben Dutzende Arbeitersiedlungen erhalten. Ihre städtebaulichen Qualitäten schätzen wir heute mehr denn je. Vielleicht sind die Industriemuseen ja auch gute Orte, um heute über die Frage nachzudenken, wie wir Arbeiten und Wohnen in Zukunft verbinden. Schließlich war es die Industrialisierung, die Wohnen und Arbeiten voneinander trennte.

Authentische Orte

Ein Charakteristikum vieler – nicht aller – Industriemuseen ist, dass sie an authentischen Orten der Industrie und Arbeit errichtet wurden. Ihre Entstehung ist entsprechend eng mit der Entstehung der Industriedenkmalpflege verknüpft. Dass Industrieanlagen denkmalwert wurden, schuf erst die Voraussetzung, dass der neue Museumstyp sich etablieren konnte. Wie am Beispiel Eisenheim deutlich wurde, war die damals neu entstehende Industriedenkmalpflege auch ein Kind desselben Aufbruchs, der bei der Gründung der Museen Pate stand. Die museale Nutzung versprach zwar eine Perspektive für eine denkmalgerechte Erhaltung; allerdings können sich aus dieser Nutzung auch Ansprüche ergeben, die erhebliche Eingriffe in das Denkmal und Konflikte mit der Denkmalpflege mit sich bringen – wie z.B. auf Zollverein.

Industriemuseum ist nicht zwingend gleich Industriedenkmal. Aber insbesondere Nordrhein-Westfalen verfolgte früh die Idee von Industriemuseen in ehemaligen Fabriken. So entstanden, 1979 bzw. 1984, das Westfälische und das Rheinische Industriemuseum. Insbesondere das heutige LWL-Industriemuseum entstand aus einem denkmalpflegerischen Impetus. Die Maschinenhalle der Zeche Zollern in Dortmund war das erste eingetragene Industriedenkmal in Deutschland. Der Ansatz, an Originalschauplätze zu gehen, führte zum Konzept der dezentralen Verbundmuseen; so umfasst das LWL-Industriemuseum acht Standorte, das LVR-Industriemuseum sieben. In mancher Weise Vorbild dafür war das 1972 gegründete „Ecomusée“ in Le Creusot in Frankreich. Auch hier gilt: was die Industriemuseen begonnen hatten – das Arbeiten in Verbundnetzwerken – ist heute Erfolgsmodell vieler Museen.

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