Neues Zeug: Zinkrauten vom Schloss Drachenburg

Höchste Qualität für höchste Ansprüche – mit Zink aus Oberhausen saßen selbst Schlossherren im Trockenen.

Ein Beitrag von Daniel Sobanski

Die materielle Überlieferung einer Fabrik, also die erhaltenen Dinge aus ihrer Geschichte, kann man ganz grob in zwei Kategorien unterteilen – Werkzeuge und Produkte. Blicken wir ins Magazin des LVR-Industriemuseums, so sieht es für die Zinkfabrik Altenberg in der ersten Kategorie ganz gut aus. Es ist zwar längst nicht lückenlos alles erhalten geblieben. Es gibt aber noch genug Maschinen, Werkzeuge, Messgeräte usw., um verständlich darstellen zu können, wie im Oberhausener Werk gearbeitet wurde.

Was stellte die Zinkfabrik eigentlich her?

Bei den Produkten ist die Lage nicht ganz so gut. Das Museumsdepot hat zwar viele Dinge aus Zink oder mit einer Verzinkung zu bieten. Man kann also sehen, was mit Zink im Allgemeinen gemacht wurde. Aber es ist Wenig zu finden, was wirklich hier, genau hier in Oberhausen hergestellt wurde. In der Sammlung des Museums sind Dachrinnen und Fallrohre zu finden, vermutlich die letzten Produkte von Zink Altenberg aus dem Jahr 1980/81. Außerdem existieren noch zwei Druckplatten, wie sie ab den 1950er Jahren bei Zink Altenberg produziert wurden. Sie wurden lange im Offset-Druck eingesetzt und in Druckereien auf der ganzen Welt verkauft.

So schön diese Beispiele sind, uns fehlte etwas aus der Frühzeit der Fabrik. Das hat sich geändert! Die Geschichte, wie diese Museumsstücke zu uns kamen, ist gleichzeitig ein schönes Beispiel für die Detektivarbeit, die man als Historiker*in leistet.

Auf der Suche nach Produkten aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, fand sich eine erste Spur in einem Katalog der Düsseldorfer Industrieausstellung 1902. Solche Ausstellungen hatten im 19. und frühen 20. Jahrhundert außergewöhnliche Bedeutung für die Industrie. Sie waren große Leistungsschauen, hier präsentierten Unternehmen ihre Produkte, hier machten sie Werbung. Die Düsseldorfer Industrieausstellung war eine der bedeutendsten Ausstellungen ihrer Zeit. Der genannte Katalog beschreibt die Geschichte und Entwicklung der Société de la Vieille Montagne (VM), des belgischen Mutterunternehmens von Zink Altenberg. Und noch viel wichtiger, er listet die vielen Produkte der VM und Anwendungsmöglichkeiten für Zink auf.

Ein Märchenschloss am Rhein

Eines der wichtigsten Produkte des Unternehmens war Material für Dächer und Fassaden. Und der Katalog gibt dafür sogar ein Beispiel – das Schloss Drachenburg in Königswinter am Rhein. Das Schloss wurde ab 1882 von den Düsseldorfer Architekten Abbema und Tüshaus sowie Wilhelm Hoffmann gebaut. Letzterer war ein Schüler von Ernst Friedrich Zwirner, des Baumeister des – in Teilen mit Zink geschmückten – Kölner Doms. Bauherr des Schlosses war Stephan von Sarter, ein steinreicher Analyst und Börsenspekulant aus Bonn.

Blick von Süd-Osten auf die Kuppel der Kunsthalle. Das Bild stammt aus den 1930er Jahren. © Archiv Schloss Drachenburg gGmbH

Der Drachenfels in Königswinter war schon damals ein Touristenmagnet und Sarters repräsentatives Schloss war berühmt. Entsprechend prestigeträchtig muss es für die Vieille Montagne gewesen sein, dafür Bedachungsmaterial zu liefern. Tatsächlich ist es das einzige von vielen wichtigen Bauwerken mit VM-Zinkdach, das im Katalog von 1902 ausdrücklich erwähnt wird. Stephan von Sarter starb im Jahr der Düsseldorfer Industrieausstellung ohne je in der Drachenburg gewohnt zu haben. Das Schloss ging durch viele Hände und verfiel nach dem Zweiten Weltkrieg. Ab 1995 wurde es restauriert und für Besucher*innen zugänglich gemacht.

Eine E-Mail an das Museum im Schloss Drachenburg bestätigte, dass die Vorburg mit einem Dach aus Zinkrauten gedeckt war. Dieses Dach wurde zwischen 1997 und 2000 saniert und neu gedeckt. Ein paar Rauten des Originaldaches aber wurden zurückbehalten. Und das Museum in Königswinter erklärte sich bereit, zwei davon dem LVR-Industriemuseum langfristig zu überlassen. Als die beiden rautenförmigen Stücke Zinkblech in Oberhausen eintrafen, konnten wir uns mit einem Blick sicher sein, das älteste bekannte Stück Zinkblech von Zink Altenberg in Oberhausen in Händen zu halten. Beide Rauten trugen den selben originalen Stempel „Vieille Montagne – Oberhausen“.

Abbildung des kreisförmigen Stempels: "Oberhausen Altenberg. Vielle Montagne 12"
Abbildung aus einer Firmenschrift der VM von 1883. Foto: Daniel Sobanski

Zink für Dächer und Fassaden

Heute verbinden wir den Werkstoff Zink oft mit Eimern, Badewannen oder Gießkannen. Dabei war und ist das Bauwesen der viel größere Absatzmarkt für Zink. Als das „achte Metall“ Anfang des 19. Jahrhunderts als neuer Werkstoff in Europa entdeckt wurde, suchte man nach Möglichkeiten, das neue Material zu nutzen. Zink entpuppte sich als perfekt geeignet für Dächer und Fassaden. Zink rostet nicht. Zink ist leichter als Blei und preiswerter als Kupfer. Zink erlaubt andere Dachkonstruktionen als Schiefer oder Ziegel.

Die Vieille Montagne wurde zu einem Vorreiter in Sachen Zinkdächer. Ihre guten Beziehungen in französische Regierungskreise bescherten dem Unternehmen viele Aufträge bei der Neugestaltung von Paris durch den Architekten Georges-Eugène Hausmann. Dessen Bauten mit ihren typischen, zinkverkleideten Mansarddächern prägen bis heute das Bild der französischen Hauptstadt.

Abbildung des kreisförmigen Stempels: "Oberhausen Altenberg. Vielle Montagne 12"
Abbildung aus einer Firmenschrift der VM von 1883. Foto: Daniel Sobanski

Weit über Belgien und Frankreich hinaus verkaufte die Vieille Montagne ihre Dachbleche. Das Unternehmen entwickelte mehrere Systeme für unterschiedliche Anwendungen, je nach Größe, Neigungswinkel usw. des Daches. Die Rautenform sollte zum einen gut aussehen, sie erinnerte z.B. an Schieferdächer, wie sie in machen Region Deutschlands verbreitet sind. Zum anderen sollte das Rautensystem auch große Haltbarkeit garantieren. Die Prospekte der VM versprachen, dass die patentierte Dachkonstruktion eine Luftzirkulation zwischen dem Zinkdach und der meist hölzernen Schalung ermögliche. So sollte das Holz vor Fäulnis geschützt werden. Im Falle des Daches der Vorburg des Schloss‘ Drachenburg hatte man nicht zu viel versprochen: Das Zinkdach dort hat über ein Jahrhundert gehalten.

Besondere Exponate Die beiden Dachrauten werden in der neuen Dauerausstellung auf Zink Altenberg zu sehen sein. Sie mögen wie unscheinbare Stücke Blech erscheinen. Aber sie sind Ausdruck der Industrie- und Architekturgeschichte. Und sie sind die ältesten Zeugnisse der Arbeit auf Zink Altenberg, die wir kennen. Damit sind sie zwei ganz besondere Exponate.

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