Bohrprobe

An den Bohrer, fertig, los! Auf Tuchfühlung mit einem Industriedenkmal

Wenn ein*e Maurer*in auf einem Hubsteiger mit schwerem Gerät ganze Ziegel aus einem denkmalgeschützten Gebäude herausbohrt, fragt man sich nicht nur als Museumsmitarbeiterin: Darf der oder die das eigentlich?

Ja, darf er oder sie – und zwar im Zuge einer denkmalpflegerischen Untersuchung. Dafür bekam die Zinkfabrik Altenberg, die seit März 1985 unter Denkmalschutz steht, Besuch von dem Ingenieurbüro Hutt aus Köln. Frau Hutt und ihre Kollegin Frau Saake wurden im Zuge der Bauarbeiten für unsere neue Dauerausstellung beauftragt das gesamte Außenmauerwerk der über 150 Jahre alten Walzhalle zu begutachten, um nach Schäden zu suchen und die Geschichte des Bauwerks weiter zu erforschen.

Wie läuft eine Denkmalbegutachtung ab?
Die beiden Bauingenieurinnen kamen im August 2020 mit großformatigen Fassadenplänen nach Oberhausen, um sich die historische Klinkerfassade genau anzuschauen und eine sogenannte Bestandskartierung des Gebäudes vorzunehmen. Kartierungen dienen der Dokumentation und als Planungshilfe für mögliche Sanierungsmaßnahmen. Dort werden zum Beispiel, neben Schäden am Mauerwerk, alle erkennbaren unterschiedlichen Ziegel- und Mörtelarten vermerkt. Da die Nutzung von unterschiedlichen Materialien ein Hinweis auf unterschiedliche Bauzeitpunkte sein kann, werden so wertvolle Hinweise gewonnen, die auf Veränderungen am Bauwerk durch beispielweise einen Anbau schließen lassen. Frau Hutt und Frau Saake begutachteten dazu die Farbe, die materielle Beschaffenheit und die Qualität der Ziegel. So konnte ermittelt werden, dass in der Außenmauer vier historische Ziegelarten verbaut wurden. Außerdem stießen die Bauingenieurinnen auf mehrere sogenannte Sanierziegel, die im Zuge von Sanierungsarbeiten erst in späterer Zeit eingesetzt wurden. Es sind also unterschiedliche Bauphasen der Walzhalle anhand der Fassade ablesbar.

Neben diesen Untersuchungen zur Baugeschichte von Zink Altenberg sollte das Ingenieurbüro Hutt auch den Zustand der alten Fassade beurteilen. Im Fokus stand die Suche nach Feuchtigkeit in den Wänden. Diese Feuchtigkeitsanalyse ist sehr wichtig, um ermitteln zu können, ob die Wände sicher sind oder vielleicht ertüchtigt also verstärkt und stabilisiert werden müssen. Dazu hat das Büro Hutt eine Sondierung, das heißt eine Bohrprobe, des Mörtels durch eine Maurerfirma vornehmen lassen. Die Bohrung wurde gleich an mehreren Stellen durchgeführt, um zu überprüfen, ob sich in der Gebäudefassade schädigende Feuchtigkeit befindet oder sogar ausbreitet. Gerade an dem Übergang von der Wand zum Dach machten kleinere Pflanzen die Ingenieurinnen stutzig: Denn damit eine Pflanze wachsen kann, braucht sie Wasser. Solche Hinweise auf Feuchtigkeitsschäden werden kartiert und somit in den Gebäudeplänen festgehalten, damit der Bauherr, in diesem Fall der Landschaftsverband Rheinland und die Architekten des Museumsumbaus, genauestens über den Zustand des Denkmals informiert sind.

Warum so viel Arbeit in ein altes Gebäude stecken?
Allein für die Beurteilung der Außenfassade mussten sich die Expertinnen mehrere Tage Zeit nehmen, denn nach der Begehung vor Ort folgt die Dokumentation der Ergebnisse. Auch die Innenfassade wird bei Gelegenheit noch Teil weiterer Untersuchungen sein. Ingenieur*innen, Denkmalpfleger*innen, Architekt*innen, Statiker*innen, Maurer*innen und Bauarbeiter*innen – um nur einige zu nennen–, sind mit der Begutachtung, der Sanierung und dem Umbau des Denkmals beschäftigt. Doch warum so viel Arbeit in eine alte Halle stecken? Für die Ingenieurinnen ist die Antwort klar: Das industriekulturelle Erbe der Region hat Generationen und auch uns geprägt. Daher gilt es, die Gebäude zu schützen, die diese Geschichte erzählen, und sie als Erinnerungsorte zu bewahren. Eine sorgfältige bauliche Untersuchung und Sanierung ist dazu oftmals unumgänglich. Die Bestandskartierung kann neben der Dokumentation von Schäden aber auch als Instrument dienen, den baugeschichtlichen Wert zu ermitteln und das Bewusstsein für die Bedeutung der Zinkfabrik zu schärfen.

Doch was nützt ein altes, möglicherweise bereits saniertes Gebäude, wenn es nicht genutzt wird? Garnichts! Und deswegen betrachtet Frau Saake ihre Arbeit auch als einen grundlegenden Schritt, historische Gebäude für eine breite Öffentlichkeit sicher, zugänglich und erlebbar zu machen. Denn die zeitgemäße Weiter- oder Umnutzung ist auch für die Erhaltung eines Denkmals zentral. Gerade wenn ein Gebäude genutzt wird, gibt es eine Verantwortung und finanzielle Mittel, dieses zu pflegen. Auch wir als Museum tragen mit der neuen Dauerausstellung und mit den neuen Veranstaltungsräumen dazu bei, dass dieser Ort lebendig und erhaltenswert bleibt. Die Ingenieurinnen und die vielen anderen Expert*innen schaffen dafür die so wichtige bauliche Grundlage. Wenn ein Ort entsteht, an dem sich Menschen gerne aufhalten, schöne Veranstaltungen besuchen können, wenn ein historischer Ort im Hier und Jetzt gut angenommen wird und allen zur Verfügung steht, dann hat sich eine Lösung gefunden, die die Mühe wert war – meint Frau Saake. Eine Lösung, für die auch mal mit brachialem Gerät hantiert werden darf.

Sarah Hutt ist Diplom-Restauratorin und Bauingenieurin mit Schwerpunkt Bauwerkserhaltung.

Christina Saake ist Bauingenieurin sowie Gesellin im Glasmalerhandwerk.

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