Videoinstallationen von Kai Fobbe zur Extraschicht 2023
Die ExtraSchicht rückt immer näher. Vor einigen Tagen haben wir euch bereits das Programm für die diesjährige Lange Nacht der Industriekultur am 24.06.2023 vorgestellt und ein besonderes Highlight, das wir für euch bereithalten, sind die Videoinstallationen des Wuppertaler Künstlers Kai Fobbe. In der Elektrozentrale könnt ihr diese nicht nur bestaunen, sondern sogar live miterleben und gestalten. Um euch die Wartezeit etwas zu verkürzen, aber auch, um die Neugier zu steigern, stellt der Videokünstler seine Arbeit und ihre Entstehungsgeschichte in diesem Beitrag genauer vor.
Ein Beitrag von Kai Fobbe
Im Jahr 2008 kam ich mit dem Sammler Werner Bibl in Kontakt. Dieser fing damals gerade an, als Sammler Arbeiterskulpturen zu erwerben und wissenschaftlich zu katalogisieren. Bibl zeigte mir seine gesammelten Skulpturen und jedes Mal, wenn er ein neues Stück für seine Sammlung erworben hatte, stellte er mir dieses vor. So wurde ich stetig in diesen Prozess eingebunden und konnte die Entstehung der Sammlung miterleben.
Von Anfang an war mir klar, dass er die Skulpturen nicht nur sammeln und aufbewahren wollte. Vielmehr plante er, mit den Skulpturen zu arbeiten, ja sie auf eine neue Art zu visualisieren und sie auf diesem Wege der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Werner Bibl fragte mich – nachdem er meine Serie „Bewegte Portraitbilder“, bei der die filmisch Portraitierten ohne zu zwinkern endlos den Betrachter ansehen, gesehen hatte – ob nicht auch die Arbeiterskulpturen mein Interesse weckten. Doch in den ersten Jahren konnte ich noch keine Begeisterung für die Arbeit mit den Skulpturen entwickeln.
Erst als Werner Bibl mir mitteilte, dass die Sammlung sein Haus verlässt, hatte ich eine Idee, wofür mir diese Skulpturen dienen könnten.

Ich hatte mich in der Zwischenzeit mit Oberflächen beschäftigt und tauschte diese filmisch an Objekten aus. Die neuen „Texturen“ nahmen den Objekten ihre Materialität und gaben ihnen im Gegenzug eine ganz neue Oberflächenbeschaffenheit. So wollte ich auch mit der Sammlung von Werner Bibl arbeiten. Ein weiterer Aspekt war mir neben der Oberflächenstruktur und einer monochromen Farbgebung wichtig: Die Größe. Die Originale sind proportional unterschiedlich und haben unterschiedliche Höhen, die zwischen ca. 30 bis 150cm variieren können. In den Filmen sollten die Skulpturen hingegen gleich groß werden und den Pixelraum vollständig ausfüllen.
Da ich mich persönlich seit meiner Kindheit über einen bestimmten Aspekt in der Präsentation von Skulpturen – vor allem diejenigen von Arbeitern – geärgert habe, wollte ich in den Filmen meinen Wünschen und Idealvorstellungen entsprechend nachkommen. Oftmals stehen die Skulpturen in Ausstellungskontexten mit der Rückseite zur Wand. Ich kann als Betrachter somit nicht den Rücken der Skulptur sehen. Als Kind war ich zwar wendig genug, um einen Blick auf die Rückseite zu erlangen, wurde jedoch von meinen Eltern abgehalten, hinter die Objekte zu kommen. Deshalb wollte ich die Skulpturen für die Filme auf einen Drehteller stellen, damit diese in ihrer Gesamtheit zu sehen sind.


Der Sammler war nach kurzer Zeit interessiert an dieser Idee. So kam es dazu, dass im Jahre 2011 schließlich das Projekt „Textur“ ins Leben gerufen wurde. Dafür ließ ich 50 Skulpturen in Videoinstallationen in einem neuen Licht erscheinen. Zuerst fertigte ich Aufnahmen von den Arbeiterskulpturen auf einem Drehteller an, hinter den ein schwarzer Vorhang gespannt war. Im Anschluss konnte ich die Skulpturen im Computer weiterbearbeiten und auf diesem Weg ihre Materialität gegen eine neue Textur eintauschen. 2012 konnte das Projekt abgeschlossen werden. Im selben Jahr waren die Kunstwerke in einer Auswahl zum ersten Mal in einer Ausstellung im Museum Rammelsberg zu sehen.
Die Themen an den Installationen sind die der Materialität, der neuen Textur und der Größe. Die Farben können bei den Betrachtenden unterschiedlichste Assoziationen hervorrufen, die ich im Vorhinein weder kalkuliere noch vorgeben möchte. Somit vermeide ich, dass die Wahrnehmung der Besuchenden in eine Richtung gewiesen wird und ermögliche ihnen eine persönliche Erfahrung und ein offenes Erleben meiner Arbeiten.



Drei Installationen und eine Live-Performance
Am 24. Juni wird Kai Fobbe mit seinen Arbeiten die Elektrozentrale auf dem Gelände der ehemaligen Zinkfabrik Altenberg bespielen. Zusätzlich zur Projektion der Arbeiterskulpturen von Werner Bibl werden zwei weitere Filme „Der Bildhauer Eckehard Lowisch Gold“ und „Brenner Baethke, Habbel, Wellhausen“ zu sehen sein, die mit den gleichen künstlerischen Mitteln arbeiten, wie Fobbe sie für „TEXTUR“ entwickelt hat. Besonders spannend wird der interaktive Teil, den Kai Fobbe speziell zur ExtraSchicht in der Zinkfabrik Altenberg entwickelt hat. Auf Wunsch fertigt der Künstler Aufnahmen von den Besuchenden an, welche Live als Teil der Projektionen in der Elektrozentrale gezeigt werden. Wir sind sehr gespannt!


Auf der ExtraSchicht werden folgende Videoinstallationen von Kai Fobbe zu sehen sein:
| TEXTUR | 200 Filme, 9:16, Endlos, Ohne Ton, 2012 |
| Arbeiterskulpturen aus der Sammlung Werner Bibl: „hard work. 1850-1950“. | |
| Der Bildhauer Eckehard Lowisch Gold | Film, 9:16, Endlos, Ohne Ton, 2012 |
| Kai Fobbe verewigte seine Künstlerkollegen und benutze die Vorgehensweise aus den Arbeiten „Textur“. Der relevante Unterschied besteht darin, dass sein Kollege als lebende Skulptur abgelichtet wurde. | |
| Brenner Baethke, Habbel, Wellhausen | 3 Filme, 9:16, Endlos, Ohne Ton, 2017 |
| Auch dies sind keine klassisch leblosen Skulpturen: Whisky Brenner aus NRW, die in vorhergehenden Werkreihen entstanden, wurden ebenfalls in die Installation aufgenommen. |
Katja Heckes über Kai Fobbes Arbeiten: Von „hart arbeitenden Menschen“ zu „riesenhaften Projektionen“ voll „müheloser Lebendigkeit“ und „haltloser Leichtigkeit“
„[…] Eine, sich um die eigene Achse drehende Figur in metallisch-kühlen oder goldenen-warmen Farben schwebt tänzelnd […]. Es sind Arbeiterskulpturen aus der Serie „Textur“ (2012), die der Künstler auf eine Drehscheibe stellte und abfilmte. Durch die Form der Präsentation, die riesenhafte Projektion geht ihre eigentliche Größe verloren – und durch die Farbverfremdung verlieren sie auch ihre tatsächliche Materialität aus Metall, Holz oder Gips. Die Figuren scheinen sich […] abzuheben, aber zugleich auch auflösen: Wie ein Hologramm tauchen sie in einer körperlichen Erscheinung auf, wie ein Fresko werden sie […] aufgesogen. Ist es das zweidimensionale Medium Video, das den Figuren ihre Räumlichkeit raubt, so wird diese in der Form der Installation geradezu auch wieder inszeniert: Durch die Drehung der eigentlich statischen Skulpturen bleibt ihre Mehransichtigkeit bewahrt. So nimmt der Betrachter sie beinahe plastisch wahr. In der verspielten Form ihrer Erscheinung sind die Figuren nicht mehr die hart arbeitenden Menschen aus der Schwerindustrie oder dem Bergbau, sondern es sind nun ganz eigenständige Wesen, die mächtig (in Gold) und stark (in Rosa) sowie edel und fein (in Kupfergrün oder Metallblau) […] sichtbar werden und erwachen. Der Ort der Präsentation, […] vermag diese neue, mühelose Lebendigkeit der Arbeiterfiguren noch zu unterstreichen. Oder hinterfragt er vielmehr ihre neue, haltlose Leichtigkeit?“
Katja Heckes, Kunsthistorikerin, Köln
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