Ein Blick hinter die Kulissen meiner Tätigkeit als Dokumentar
Vor einem Monat hat euch Alize Nowack, studentische Hilfskraft in der Sammlungsabteilung des LVR-Industriemuseums, bereits einen Einführungsbericht in die Arbeit der Sammlung gegeben und uns ihre Erfahrungen, vor allem bei der Inventarisierung von Textilobjekten, geschildert. Heute gewährt euch der Dokumentar Andreas Mergner einen Einblick in seine umfangreiche Arbeit, der er schon seit über zwanzig Jahren nachgeht.
Ein Beitrag von Andreas Mergner
Außerhalb unseres Museums werde ich oft gefragt, wie viele Dinge die Sammlung des Industriemuseums so hat. Die sechsstellige Zahl als Antwort versetzt viele angesichts der Mengendimension in Erstaunen. Die Wenigsten können sich wirklich vorstellen, wie vielseitig unsere Sammlung und die zugehörigen Themenbereiche sind. Wir sind zwar ein Industriemuseum, sammeln aber deswegen längst nicht nur technische Objekte wie beispielsweise Dampfmaschinen oder Motoren. Auch taucht immer wieder die Frage auf, ob das Sammeln nicht irgendwann ein Ende hat oder ob wirklich tagtäglich neue Objekte reinkommen.

Foto: LVR-Industriemuseum
Bei meiner Tätigkeit als Dokumentar pendele ich fast täglich zwischen zwei Arbeitsplätzen hin und her – meinem Büro im Haus Altenberg und dem Peter-Behrens-Bau – das ehemalige Magazinhaus der Gutehoffnungshütte.
Der Peter-Behrens-Bau – mehr als nur ein großer Lagerraum
In diesem Depot sind auf 4 Etagen alle Museumsobjekte – oder in der Fachsprache „Exponate“ genannt – untergebracht. Nur die Fotografien befinden sich an einem separaten Ort auf dem Museumsgelände Altenberg. In der 5. Etage ist außerdem eine Dauerausstellung mit den Werken des Architekten Peter Behrens, nach dessen Plänen dieses Gebäude im Jahr 1925 erbaut wurde, zu sehen. Im Erdgeschoss befindet sich derzeit eine Wechselausstellung zum Thema Kunststoff. Im Keller des Depots sind das Textil-, Metall-, Holz- und Papiermagazin untergebracht.

Foto: LVR-Industriemuseum

Wie schon im Beitrag von Alize Nowack erwähnt, ist das Depot ein Ort, der ständig in Bewegung ist und nie zur Ruhe kommt, wo immer wieder neue Dinge einsortiert und andere wiederum für Ausstellungen bereitgestellt werden. Dazwischen finden auch fortlaufend Überlegungen statt, wie verdichtet und neuer Platz geschaffen werden kann. Bei der Einlagerung eines Objektes spielen thematische Gemeinsamkeiten, ein angemessenes Raumklima sowie Abmessungen und das Gewicht eine entscheidende Rolle.

Foto: LVR-Industriemuseum

Der Weg des Exponats in das Industriemuseum
Mein Aufgabengebiet umfasst in erster Linie den kompletten Prozess der Inventarisierung eines Objektes und dessen Einlagerung. Hierbei kann es sich um ein einzelnes „Teil“ oder ein mehrteiliges Konvolut handeln. Nicht selten kann es auch ein Behältnis (Kiste, Koffer, Aufbewahrungsmöbel etc.) sein, das unzählige weitere Kleinteile beinhaltet.

Auf welchem Weg das Objekt zu uns in die Sammlung kommt, kann sehr unterschiedlich sein: Es kann sich um einen Ankauf handeln, aber nicht selten erhalten wir auch Schenkungen. Außerdem kann es sein, dass wir eine Leihgabe bekommen, die entweder für kurze Zeit ausgestellt wird oder von der in unseren Werkstätten eine Reproduktion angefertigt wird, um diese im Anschluss auszustellen oder aufzubewahren.
Kommt ein solches Objekt oder Konvolut in unser Museum rein, gibt es immer ein Begleitformular mit zugehörigen Angaben, das sowohl elektronisch abgespeichert, als auch in ausgedruckter Form vorhanden ist. Auf diesem Formular steht auch eine sogenannte Eingangsnummer, kombiniert aus dem Jahr des Eintreffens des Objektes und einer fortlaufenden Zahl. Diese Nummer wird nebst kurzen Angaben zum Objekt beziehungsweise Konvolut und dessen Herkunft in ein Eingangsbuch eingetragen.



Blick in die Sammlung im Peter-Behrens-Bau (rechts und links), Fotos: LVR-Industriemuseum
Inventarisierung eines Spiegels (Mitte), Foto: Andreas Mergner
Auch wenn ich im Vorfeld in der Regel schon Basis-Informationen über ein Objekt erhalte, ist es für mich jedes Mal ein spannender Moment, wenn ich es erstmalig in der Hand habe, ein kurzer Moment, bei dem quasi alle Sinne angesprochen werden: Ein vorsichtiges haptisches Ertasten – oft mit Baumwollhandschuhen -, um ein Gefühl für das Material zu bekommen, der Geruch aus vergangener Zeit, den das Objekt ausstrahlt, die Spuren des täglichen Gebrauches.
Die Erfassung eines Exponats
Als erstes wird dem Objekt eine sogenannte Inventarnummer vergeben, quasi die Identifikation des Objektes für das Museum. Auch sie setzt sich, wie zuvor schon die Eingangsnummer, zusammen aus dem Jahr und einer laufenden Nummerierung. Möchte man den Standort eines Objektes herausfinden, um es beispielsweise aus dem Depot in eine Ausstellung zu bringen, sucht man in der Regel zuerst in unserer Datenbank FAUST nach dieser Nummerierung.

Foto: Alize Nowack
Als nächstes wird das Objekt in seiner Gesamtheit beschrieben. Dazu gehört allem voran eine Objektbezeichnung; bei Fotos, Schriften, Illustrationen sowie Büchern auch die Bestimmung der Titel. Es erfolgt die Ermittlung der Materialangaben und die Bemaßung. Als ein wichtiger Aspekt zählt die Ermittlung der Inschriften, wie beispielsweise Prüfsiegel, Firmen- und Typenschilder; bei Büchern und Zeitschriften die Titelseite oder bei Fotografien die Fotografenstempel. Dieser Schritt ist besonders relevant, da sie in der Regel wichtige Informationen über das Objekt, wie unter anderem auch über das Alter und den Herstellungsort, enthalten können. Auch die Nennung der beteiligten Körperschaften oder Personen als Zeitzeugen ist für die Erforschung der Provenienz ein wichtiger Punkt. Unter Provenienz versteht man allgemein die Herkunft einer Person oder Sache. Insbesondere in der Forschung der Herkunft von Kunst- und Kulturgütern erlangt dieser Begriff eine außerordentliche Bedeutung, denn mit Hilfe der Provenienz können verschiedene Fragen beantwortet werden, wie beispielsweise, ob es sich bei einem bestimmten Gegenstand um Raubgut handeln könnte.
Ins rechte Licht gerückt

Foto: Alize Nowack
Neben der schriftlichen Erfassung ist auch eine Bilddokumentation von großer Bedeutung, um gerade auch den Zustand eines Objektes zu verdeutlichen. Hierbei ist es wichtig, das Objekt – in diesem Falle Gegenstände – von allen Seiten her zu fotografieren.
Bei Fotografien, Grafiken, Büchern oder anderen flachen Papierobjekten wird mit Hilfe einer Reprokamera ein Frontbild, bei Dias und Negativen ein Durchlichtbild erzeugt, welches mittels einer Software automatisch der zugehörigen Inventarnummer zugeordnet wird.
Als Negativ bezeichnet man in der Fotografie ein auf analogem Aufnahmematerial belichtetes und entwickeltes Bild, das im Vergleich zum Originalmotiv eine genau umgekehrte komplementäre Farbgebung aufweist. Die Tonwertumkehr erfordert und ermöglicht in einem zweiten fotografischen Prozess ein positives Bild, das Diapositiv oder Dia genannt wird, welches als fertiges Bild die Farbgebung des Originalmotives aufweist.
Die aufgenommenen Fotos der Objekte werden anschließend in der Datenbank FAUST der Dokumentation in das zugehörige Objektdokument eingebunden.
Die Sammlung des Museums verfügt auch über einen großen Bestand an Glasplattennegativen (und –dias) mit Fotoaufnahmen aus dem Ruhrgebiet der Nachkriegszeit, insbesondere zu den Themen Arbeit, Verkehr, Gesellschaft sowie Infrastruktur. Diese Fotosammlung ist in einem Fotomagazin unter klimatisch ausgewogenen Bedingungen aufbewahrt. Für Ausstellungen werden von diesen Originalen Reprints im Fotostudio angefertigt, um das Original selbst nicht durch unnötigen Gebrauch, Transport und Ortswechsel auf Dauer zu schädigen.

Foto: Andreas Mergner
Die sichere Lagerung der neuen Schätze
Ist das Objekt erst einmal komplett erfasst – also inventarisiert –, wird die Inventarnummer angebracht. Hierbei verwende ich in der Regel archivtaugliche Hängeetiketten aus säurefreiem Papier. Die Nummer wird dabei mit einem nicht zu weichen Bleistift auf dem Etikett vermerkt, um die Wiederauffindbarkeit des Exponats zu garantieren.
Nur bei Papierobjekten (Fotoabzüge, Grafiken, Zeitschriften, Büchern etc.) schreibe ich die Nummer direkt auf die Rückseite des Objektes, klein und unauffällig, da sie in der Regel keine Möglichkeiten bieten, ein Objektschild anzubringen. Hierbei verwende ich einen weichen Bleistift, um nicht durch den Druck der Mine das Objekt zu beschädigen.

Foto: LVR-Industriemuseum

Nach der kompletten Erfassung erfolgt die Einlagerung. Dabei spielen die Kriterien Größe, Gewicht, Material beziehungsweise Oberflächenbeschaffenheit, Zustand und Stabilität eine entscheidende Rolle. Anhand der Rahmenbedingungen, die jedes Objekt mit sich bringt, wird genau geprüft, auf welcher Etage es seinen neuen Platz findet. Außerdem wird entschieden, ob das Exponat verpackt und geschützt in Schränken und Regalen, oder aufgrund einer vergleichsweise robusten Beschaffenheit und der Größe doch offen auf Paletten eingelagert werden soll.

Foto: LVR-Industriemuseum

Foto LVR-Industriemuseum

Unter den zahlreichen Objekten, die ich während meiner über zwanzigjährigen Tätigkeit am Industriemuseum erfasst und anschließend eingelagert habe, habe ich zu manchen eine Art „Beziehung“ entwickelt und sie zu „Lieblings-Exponaten“ ernannt, sei es wegen ihrer Einzigartigkeit oder ihres Erinnerungswertes. Manche Gegenstände, beziehungsweise genau den gleichen Typ eines Gerätes besaßen wir früher selbst im Haushalt, wie z.B. die alte mechanische Olympia-Schreibmaschine, auf der mein Vater tippte, das doppeltbereifte Herrenrad mit Holzfelgen aus den 1920ern oder der orangefarbene AEG-Fön aus den 70ern.

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