Auf dem Foto sieht man einen Teil eines Bücherregals. Oben liegt ein dickes rotes Buch aufgeschlagen im Regal, auf dem unteren Regalbrett stehen 4 weitere dicke rote Bücher mit dem Titel "Habersack - Deutsche Gesetze". Daneben liegt ein schmaleres weißes Buch, auf dem zwei große G's in blau und grün zu sehen sind, darunter steht "Grundgesetz".

Zum Jahrestag: 75 Jahre Grundgesetz

Heute ist ein besonderer Tag für unsere Demokratie, denn das Grundgesetz feiert seinen 75. Geburtstag: Die feierliche Verkündigung am 23. Mai 1949 war gleichzeitig die Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland, seit der Wiedervereinigung 1990 gilt das Grundgesetz als gesamtdeutsche demokratische Verfassung. Aber was bedeuten Demokratie, Freiheit und gesicherte Grundrechte für mich und was wäre eigentlich ohne? Diesen Fragen gehen wir im Teil „Wählen gehen“ unserer neuen Dauerausstellung nach, den wir euch heute vorstellen möchten.

Ein Beitrag von Katharina Wonnemann

Die Wahl zu haben, das Leben selbst zu bestimmen, sich frei zu verwirklichen, anderer Meinung zu sein: Die Rechte und Freiheit(en) in unserer Demokratie sind nicht einfach gegeben, sie mussten ausgehandelt und in undemokratischen Zeiten von Einzelnen erkämpft werden. Dementsprechend sollten sie auch in unserer heutigen Gesellschaft nicht als Selbstverständlichkeiten betrachtet werden.

Das Bild zeigt einen gezeichneten Entwurf einer Ausstellungswand. Rechts ist eine große Vitrine zu sehen, mit Figurinen und Objekten zum Thema Notkultur. Links an der Wand sind Texte und Fotos zum Thema Wahlen entwurfhaft angedeutet.
Entwurf der Ausstellungsgruppe „Wählen gehen“ in der neuen Dauerausstellung.
Bild: LVR-Industriemuseum

Dass Demokratie und Teilhabe nach dem Ende des autoritären NS-Regimes nicht einfach vom Himmel fielen, zeigen wir in unserer neuen Dauerausstellung. Die Besucher*innen haben sich auf ihrem Rundgang durch die Ausstellung mit der NS-Zeit, der völkischen Propaganda und dem dahinterliegenden verachtenden Menschenbild sowie dem Krieg auseinandergesetzt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Jahr 1945 sind nicht nur viele europäische Städte und Regionen zerstört, es herrscht aufgrund fehlender Nahrungsmittel, Kleidung und anderer Produkte auch eine Nachkriegs-Notkultur, in der die Menschen verschiedene Materialien für andere Zwecke wiederverwenden oder ihre Kleidung immer wieder flicken und stopfen müssen. Ab 1946 finden aber auch die ersten freien Kommunal- und Landtagswahlen in den vier Besatzungszonen statt, am 14. August 1949 kommt es dann zur ersten Bundestagswahl in den westlichen Besatzungszonen.

„Der Tag ohne Demokratie“

Für unsere neue Dauerausstellung haben wir uns die Frage gestellt, wie wir die Auswirkungen dieser historischen Ereignisse bis in unseren heutigen Alltag hinein erfahrbar machen können. Dabei haben wir verschiedene Herangehensweisen diskutiert und uns für eine interaktive Präsentation entschieden, in der die Besucher*innen einen ganz normalen Tag erleben – allerdings ohne Demokratie, die hat es in unserem Szenario nämlich nie gegeben. In verschiedenen Alltagssituationen erfahren sie, welche Auswirkungen es hat, wenn unsere Grundrechte fehlen:

Der Tag beginnt mit einem Frühstück nach dem Aufstehen. Doch Herd und Kaffeemaschine funktionieren nicht mehr! Der Energieversorger hat dein schönes Niedrigenergiehaus vom Netz genommen, denn bei euch kann er einfach nicht genug verdienen. Und das darf er auch, denn nur in unserer Demokratie haben wir uns darauf verständigt, dass jeder mit dem Notwendigsten zum Leben versorgt sein muss. Dazu gehört auch die Grundversorgung aller Bürger*innen mit Strom. Festgelegt ist das in zwei Artikeln unseres Grundgesetzes:

Artikel 1 Absatz 1, „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Zu dieser Menschenwürde gehört auch ein gesichertes Existenzminimum.
Artikel 20 Absatz 1, der festlegt, dass unser Land ein Sozialstaat ist. Hier erhält jede*r Bürger*in ein Mindestmaß an Unterstützung – zum Überleben, aber auch zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben.

Nachdem du das Frühstück unfreiwillig ausfallen lassen musstest, machst du dich auf den Weg. Unterwegs willst du dir die aktuellen Nachrichten auf deinem Smartphone durchlesen, aber heute kannst du deine übliche Zeitung nicht mehr digital abrufen und online findest du nur einen Newsticker, der „Die Wahrheit“ heißt. Ein einziges Newsportal reicht dir nicht? Aktuell gibt es in Deutschland rund 320 (regionale) Tageszeitungen, im Jahr 2021 etwa 260 davon als tägliche digitale E-Paperausgabe. Daneben gibt es 16 Wochenzeitungen und 1.300 Zeitschriften. Diese Vielfalt der freien Presse – egal ob gedruckt oder online – ist Teil unserer Demokratie. Eine Vielfalt auch der Meinungen, ganz anders also als mit nur einer „Die Wahrheit“. Die Meinungs- und Pressefreiheit legt ebenfalls das Grundgesetz fest:

Artikel 5, Absatz 1, „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“

Auch im weiteren Tagesablauf, in der Schule oder auf der Arbeit sowie in der Freizeit, macht sich das Fehlen unserer Demokratie bemerkbar. Die Abwesenheit von bestimmten Grundrechten, die uns vielleicht für unser persönliches Leben zunächst entbehrlich erscheinen, zeigt gravierende Folgen und betrifft uns in alltäglichen Situationen, die wir vor dieser interaktiven Präsentation vielleicht nie miteinander verbunden hätten.

Auf dem Foto sieht man eine Glaswand vor einem Gebäude, auf die die 19 Grundrechte aus dem Grundgesetz gedruckt wurden.
Die ersten 19 Artikel des Grundgesetzes, die Grundrechte, am Jakob-Kaiser-Haus in Berlin.
Foto: Michael Rose, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=738078

Spielerisch wollen wir in diesem Teil der neuen Dauerausstellung die Wichtigkeit unserer demokratischen Verfassung verdeutlichen. Das Grundgesetz bildet auch 75 Jahre nach der Verkündigung die Basis für das gesellschaftliche Zusammenleben in Deutschland. Auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung findet ihr zu diesem Anlass ein vielfältiges Programm, bestehend aus Veranstaltungen, Onlineangeboten und Literatur, mit dem ihr euch weiter informieren und engagieren könnt.

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