Farbfoto einer Aussicht über Paris. Im Vordergrund stehen Häuser mit grauen Zinkdächern, im Hintergrund steht der Eiffelturm.

Weltkulturerbe aus Zink

Die UNESCO hat im Dezember 2024 die Technik der Pariser Dachdecker als immaterielles Erbe ausgezeichnet.

Ein Beitrag von Daniel Sobanski

Neben dem Eiffelturm und der gerade restaurierten Kathedrale Notre Dame hat Paris ein drittes Wahrzeichen. Die historische Innenstadt von Paris ist geprägt von historischen Gebäuden im klassizistischen Stil. Eins ihrer Merkmale sind die Mansarddächer – gedeckt und dekoriert mit Zink. Die Technik und die Fertigkeiten der Dachdecker und Bauklempner, die diese Dächer in der Mitte des 19. Jahrhunderts erschaffen haben, hat die UNESCO nun als immaterielles Weltkulturerbe ausgezeichnet. Diese Fertigkeiten prägen eine einzigartige Stadtlandschaft und die Identität ihrer Bewohner*innen. Die Kenntnisse um die Bearbeitung des Materials und die Instandhaltung der Dächer und Dachornamente werden bis heute in einem Ausbildungsprogramm weitervermittelt, das sich aus einer theoretischen Ausbildung und praktischen Erfahrungen auf der Baustelle zusammensetzt. Die Dachdecker und Bauklempner haben sich zu einer beruflichen und künstlerischen Gemeinschaft entwickelt, die ihre eigenen Bräuche und Traditionen kennt. So hinterlassen Dachdecker*innen nach Abschluss einer Arbeit einen Gegenstand unter einem Stück Dach, den ihre Kolleg*innen Jahrzehnte später wieder entdecken, wenn das Dach erneuert wird.

Farbfoto eines Dachdeckers auf einer Baustelle. Der Arbeiter trägt Handschuhe und Helm und bearbeitet ein silbernes Blech mit Dachrautenmuster. Er steht neben einer kleinen Kuppel, die mit diesem Blech gedeckt ist.
Pariser Dachdecker bei der Arbeit
Bild: Gilles Mermet

Die Entstehungsgeschichte der atemberaubenden Dachlandschaften der französischen Hauptstadt, die mit Handwerkskunst und schönen Traditionen der Dachdecker*innen verbunden sind, hat jedoch ihre Schattenseiten. Die klassizistische Innenstadt von Paris entstand im Zuge eines Prestigeprojekts des damaligen französischen Kaisers Napoleon III., einem Neffen von Napoleon Bonaparte. Napoleon III. war ursprünglich gewählter Präsident Frankreichs, der nach einem Staatsstreich eine Diktatur errichtete und sich zum Kaiser ausrufen ließ. Napoleon III. entmachtete das Parlament, schlug Widerstand blutig nieder und verfolgte eine aggressive Außenpolitik. Diese brachte ihn in Konflikt mit dem ähnlich aggressiv auftretenden Königreich Preußen. Nach seiner Niederlage in der Schlacht von Sedan 1870 wurde der Kaiser der Franzosen schließlich gestürzt.

Zu Beginn seiner Herrschaft 1852 wollte sich Napoleon III. eine moderne und repräsentative Residenzstadt erschaffen, um mit den großen Mächten in Europa mithalten zu können. Unter der Leitung des städtischen Präfekten Baron Georges-Eugène Haussmann entstanden Markthallen, Bahnhöfe, öffentliche Gebäude und repräsentative Wohnblocks in den Bereichen um den Louvre und die Tuilerien sowie entlang der Hauptstraßen im Zentrum.
Das Zink, das die Dächer des neuen Paris deckte, stammte aus der Umgebung des belgischen Liège, aus den Gruben und Zinkhütten der Société de la Vieille Montagne, dem Unternehmen also, das auch Eigentümerin des Zinkwalzwerks in Oberhausen war. Dass der belgische Konzern vom Stadtentwicklungsprojekt in Paris profitieren konnte, kam nicht von ungefähr: Die Vieille Montagne hatte eine starke Lobby am Hof des französischen Kaisers. Der Botschafter des Königreichs Belgien, Baron Charles Le Hon, war führender Manager bei der Vieille Montagne. Seine Ehefrau Fanny Le Hon war die Tochter des Konzerngründers François-Dominique Mosselman und Geliebte des Industriellen Charles de Morny, einem Halbbruder des Kaisers. Ihre persönlichen Kontakte hatte Fanny Le Hon genutzt, um den Staatsstreich Napoleons finanziell zu unterstützen. Damit verschaffte sie nicht nur dem Unternehmen ihrer Familie lukrative Aufträge, sondern auch ihrem Sohn einen Posten in der französischen Regierung. Hinter den romantischen Dächern von Paris verbirgt sich also auch eine Geschichte von politischer Verschwörung, Korruption und Lobbyismus.

Literatur:
Deinet, Klaus: Napoleon III. Frankreichs Weg in die Moderne, Stuttgart 2019.
König, Knut: Zur Geschichte der Zinkbedachungen, in: Industriekultur 2/2023, S. 10-11.
Ruess, Céline: Altenberg – Ursprung der belgischen Zinkindustrie, in: Industriekultur 2/2023, S. 5-7.
UNESCO: Skills of Parisian zinc roofers and ornamentalists, 2024.
https://ich.unesco.org/en/RL/skills-of-parisian-zinc-roofers-and-ornamentalists-02105, abgerufen 2025-01-15.
VMZinc: Saga Vieille Montagne. A fabulous destiny. Episode 3: The Golden Age, o.D.
https://www.vmzinc.com/about-vmzinc/saga-la-vieille-montagne-(1)/episode-3-de-gouden-eeuw, abgerufen 2025-01-15.

Headerbild: Gilles Mermet

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