Sichtbar machen, was immer noch unsichtbar ist – erzählen, was noch nicht erzählt wurde und vor allem den Frauen selbst eine Stimme geben – dies hat sich das Projekt „Female Labour Migration in European History“ (FeMig.Lab) zum Ziel gesetzt. Vom 6. bis zum 8. Oktober 2025 fand im LVR-Industriemuseum Gesenkschmiede Hendrichs in Solingen der vierte Projektworkshop statt.
Ein Konferenzbericht von Sara-Marie Demiriz
Als LVR-Industriemuseum sind wir seit Sommer 2024 Partner des Projekts „FeMig.Lab“, das von Minor – Projektkontor für Bildung und Forschung aus Berlin koordiniert wird. Das Projekt wird von der Europäischen Union im Rahmen des Programms „Citizens, Equality, Rights and Values (CERV)“ gefördert.

Weitere Partnerinstitutionen sind Humanity in Action Poland, dem Ethnographic Museum of Istria (Kroatien) und dem Centrum voor de Geschiedenis van Migranten (Niederlande). Gemeinsam arbeiten wir an einer Online-Plattform, die der Arbeitsmigration von Millionen von Frauen in und nach Europa nach 1945 über biografische Arbeiten ein Gesicht und eine Stimme geben soll. Denn sie sind Teil der europäischen Geschichte, aber leider noch viel zu wenig beachtet. Neben der Wirtschaft prägten und prägen die immigrierten Frauen bis heute das kulturelle, das soziale und das politische Leben der Anwerbe- und Entsendeländer. Die unterschiedlichen biografischen Perspektiven, die von den Projektpartner*innen und weiteren Partnerinstitutionen erarbeitet werden, sollen auch Spiegel dieser Entwicklungen sein.
Doch wie soll diese Geschichte erzählt werden? Was ist eigentlich Arbeitsmigration bzw. wie definieren wir als Projektmitglieder eigentlich Arbeit? Welche Facetten der Geschichte und Geschichten der vielen Millionen Frauen, die nach 1945 innerhalb Europas oder dorthin migrierten, können sichtbar gemacht werden? Welche Geschichten können exemplarisch oder stellvertretend für viele andere stehen? Wie können wir den Frauen selbst eine Stimme geben und einen Rahmen für ihre Perspektiven schaffen? Wie schaffen wir sichere Räume und Vertrauen sowie Kommunikationsflächen auch für teils herausfordernde Erzählungen? Welche Spielregeln gilt es bei unseren Interviews einzuhalten?
Um diese komplexen Fragestellungen offen zu diskutieren und gute Antworten auf sie zu finden, trifft sich das Projektteam seit 2024 an unterschiedlichen Orten Europas und führt gemeinsam mit lokalen Akteur*innen und Zeitzeug*innen Workshops durch.
Migration von Frauen in Museen, Ausstellungen und im öffentlichen Raum
Im Herbst 2025 durften wir als LVR-Industriemuseum Gastgeber sein und vom 6.–8. Oktober 2025 in das LVR-Industriemuseum Gesenkschmiede Hendrichs in Solingen einladen. Hier trafen sich Vertreter*innen aus Museen, Forschungs- und Bildungseinrichtungen aus ganz Europa. Der Workshop widmete sich der Frage, wie Migration – insbesondere die Geschichte weiblicher Arbeitsmigration – in Museen, Ausstellungen und im öffentlichen Raum erinnert wird. Der Workshop in Solingen wurde von Minor – Projektkontor für Bildung und Forschung und dem LVR-Industriemuseum organisiert.

Foto: Minor

Foto: Minor
Solingen und Nordrhein-Westfalen als traditionsreiche Industrieregion wurden nach dem Zweiten Weltkrieg in besonderer Weise durch Migration geprägt. Neben einer Mehrheit von Männern kam auch eine Vielzahl von Frauen. Im Jahr 1973 waren in der Bundesrepublik knapp 30 Prozent aller Beschäftigten aus dem Ausland Frauen. Im von der Schwerindustrie geprägten Ruhrgebiet waren es zum gleichen Zeitpunkt immerhin 21 Prozent. Frauen kamen damals nicht nur aus den Mittelmeerländern Italien, Spanien, Portugal, Griechenland oder der Türkei, sondern auch aus Sri Lanka und Südkorea oder Japan nach Deutschland. Im Rahmen des Workshops lernten die Teilnehmenden Zeitzeug*innen aus sogenannten Gastarbeiterfamilien kennen, die in der Schneidwaren-, Textil- und Stahlindustrie das „Wirtschaftswunder“ mittrugen und seither die Gesellschaft mitprägen. Ihre Geschichten stehen nicht nur im Mittelpunkt dieses Workshops, sondern sollen auch Teil einer Webseite werden, die gerade vom Projektteam entwickelt wird. Zudem diskutierten die Teilnehmenden über regionale Projekte in Museen, Ausstellungen, öffentlichen Räumen und der Zivilgesellschaft, die sich der Erinnerung an Migrationsgeschichte und insbesondere der Sichtbarmachung von weiblichen Perspektiven widmen.
Fachliche Impulse kamen von Historiker*innen, Kurator*innen und Vertreter*innen der Zivilgesellschaft. Eine Rückschau in die museale Auseinandersetzung mit dem Thema Migration verdeutlichte einmal mehr, dass sich gerade das Ruhrgebiet, aber auch andere Industrieregionen Nordrhein-Westfalens, bereits seit Jahrzehnten museal und wissenschaftlich mit der Migration in die Region auseinandersetzen. Wichtige Impulse auch für die nationale Perspektive kamen und kommen aus NRW.
Im Mittelpunkt des letzten Workshop-Tages stand der Besuch des Solinger Mahnmals zur Erinnerung an die fünf jungen Frauen und Mädchen, die 1993 bei einem rassistisch motivierten Brandanschlag ermordet wurden. Das Mahnmal ist ein lebendiges, an dem alle Menschen mitwirken und ihre Anteilnahme zeigen können, indem sie einen Ring, versehen mit ihrem Namen, am Mahnmal anbringen lassen. Gemeinsam mit der Jugendhilfe-Werkstatt Solingen e. V., die das Mahnmal 1994 errichtet hat und bis heute pflegt, haben auch das FeMig.Lab-Projektteam und andere Projektteilnehmende Ringe für das Mahnmal hergestellt. Nicole Scheda, Leiterin des LVR-Industriemuseums Gesenkschmiede Hendrichs und unsere räumliche Gastgeberin, bezeichnete das gemeinsame Ringe-Erstellen als besonderen Moment und zugleich als selbstverständlich: „Wir stehen als Haus für Vielfalt und Miteinander. Daher sind wir gemeinsam mit der Stadt Solingen gerade in der Erarbeitung einer neuen Sonderausstellung, die sich mit der Solinger Migrationsgeschichte auseinandersetzt.“


Foto: LVR-Industriemuseum
Auf dem Weg zu einer Webseite für europäische Frauenmigrationsgeschichte
Das FeMig.Lab-Netzwerk trifft sich regelmäßig an verschiedenen Orten, um unterschiedliche Facetten europäischer weiblicher Arbeitsmigrationsgeschichte kennenzulernen und gemeinsam an einer stärkeren öffentlichen Wahrnehmung und neuen Bildungsformaten zu dieser Thematik zu arbeiten. Anna Hampel von Minor – Projektkontor für Bildung und Forschung, blickt daher mit klarem Wunsch und Anspruch für das Projekt in die Zukunft: „In der öffentlichen Erinnerung bleiben die Erfahrungen von Frauen im Kontext von Migration und Arbeit häufig noch unsichtbar. Unser Wunsch ist, dass die Webseite, die am Ende des Projektes veröffentlicht wird, neue Perspektiven auf diese vielfältigen Erfahrungen eröffnet, Werkzeug für Schulen, Universitäten und Museen sowie Anregung für weitere Menschen ist, ihre Geschichten zu erzählen und zu teilen.“
Im kommenden Jahr wird es drei weitere Workshops geben. Einer wird in Spanien, ein weiterer in Kroatien und der Abschluss-Workshop in Berlin stattfinden. Bis dahin gilt es, sich weiter mit den herausgearbeiteten Fragestellungen auseinanderzusetzen, Interviews zu führen, Foto-, Ton- und Bildmaterial zu sammeln und die Webseite konzeptionell, aber auch inhaltlich voranzubringen. Das Projektteam legt besonderen Wert darauf, die Geschichten gemeinsam mit den Frauen zu erzählen und vor allem sie zu Wort kommen zu lassen.
Der Workshop in Solingen, insbesondere aber die erneute Begegnung mit unterschiedlichen Zeitzeug*innen, war daher auch für mich als Projektkoordinatorin für das LVR-Industriemuseum vor allem ein erneuter Motivationsschub für die nun anstehende Projektphase: Ob beim Zusammenfassen der biografischen Texte oder der Auswahl von Fotos und Zitaten, von Videosequenzen oder Tonmaterial, immer werde ich an den Workshop in Solingen zurückdenken und dabei die Frauen im Blick behalten, die ihre mutigen, manchmal schwierigen, aber auch hoffnungsvollen Geschichten mit uns geteilt haben. Das Projekt kann ihnen und anderen Generationen von Frauen und ihrer Migrationsgeschichte nicht nur eine Plattform geben, sondern ihrer Stimme ein Stück weit Gehör verschaffen. Geschichte, die lange übersehen wurde und Geschichten, die noch unerzählt sind, werden so Teil der europäischen (Migrations-)Geschichte.

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