Seit ich im Herbst als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Dokumentation und Digitales Museum gestartet bin, liegt ein Projekt obenauf: der neue Medienguide für das LVR-Industriemuseum zur neuen Dauerausstellung der Zinkfabrik Altenberg. Eine App, die Euch bei der Wiedereröffnung durch die Ausstellung begleiten kann. Letztendlich soll die Anwendung eine interaktive Plattform für Audio-Inhalte und vielem mehr an allen Schauplätzen des LVR-Industriemuseums bieten – die Zinkfabrik Altenberg ist also nur der Anfang. Aber wie geht man so etwas an? Mit Technik? Mit Inhalten? Mit einem leeren Blatt?
Ein Beitrag von Maximilian Westphal
Bereits mit früheren Planungen der Ausstellung bestand die Idee, dem Publikum mit einem Medienguide ein mediales Vermittlungstool anzubieten. Im Laufe des Projektes wurde es aus Kostengründen zurückgestellt, aber kann nun Dank einer Förderung realisiert werden. Die Projektskizze des Medienguides verspricht ein Angebot, das „individuell, barrierefrei und mehrsprachig gestaltet ist und zugleich eine Plattform bereitstellt, die das Museum im digitalen Raum verankert.“
Um in die Konzeption einzusteigen, war es für mich unabdinglich, im Austausch mit dem Ausstellungsteam verschiedene Perspektiven und Beteiligte sowie vergangene Überlegungen zum Thema kennenzulernen. Bevor auch nur eine einzige Zeile Programmiercode geschrieben wird, stellt sich eine grundlegende Frage: Für wen ist der Medienguide eigentlich?
Die Antwort überrascht kaum: für sehr unterschiedliche Menschen gleichzeitig. Da „für alle“ aber keine Zielgruppe ist, sollte es doch etwas konkreter werden… Ein Ausgangspunkt hierfür ist die „Persona-Methode“ (siehe hier). Sie stammt ursprünglich aus der Software-Entwicklung und ist mit dem „Visitor Journey Mapping“ mittlerweile auch im Museumsbereich erprobt, um Angebote zielgruppenorientiert zu entwickeln: So können wir uns verschiedenen Nutzungsszenarien des zukünftigen Medienguides annähern.

Personas: Besucher*innen, die es (noch) nicht gibt
Ralf ist 68 und ehemaliger Fabrikarbeiter aus Duisburg. Er kennt sich mit Maschinen aus wie kaum jemand sonst. Außerdem besucht er gerne Führungen und bringt manchmal seine Enkelin mit ins Museum. Ralf gibt es nicht wirklich – er ist eine Persona: d.h., eine fiktive, aber auf echten Beobachtungen basierende Figur, die wir entwickelt haben, um uns besser vorzustellen, für wen wir das hier eigentlich alles machen.
Neben Ralf gibt es Marike – sie ist 27, Elektrotechnik-Studentin aus Arnhem, geschichtsbegeistert, aber hat eine kurze Aufmerksamkeitsspanne und den Wunsch, die Ausstellung auf Niederländisch zu erleben. Außerdem gibt es da noch Aylin, 52, die eigentlich eine Fahrradtour geplant hatte, jetzt aber wegen des Regens im Museum gelandet ist. Deshalb will sie schnell wissen, was sie hier erwartet und wo es langgeht. Schließlich begegnen wir Linus, 42, der mit seiner Familie kommt und sich fragt: Womit fangen wir überhaupt an? Diese vier – und noch weitere – sitzen seitdem bei jeder Überlegung zum Medienguide mit am Tisch.

Die wichtigste Funktion ist oft die unscheinbarste
In einem teaminternen Workshop haben wir unter anderem anhand von Ralf, Marike, Aylin und Linus Ideen gesammelt, priorisiert und diskutiert. Viele Vorschlägen waren kreativ und aufregend, beispielsweise mit Augmented Reality Maschinen zum Laufen bringen, KI-Chats mit Objekten planen und mit spielerischen Rätseln die Ausstellung erkunden. Features, die als Bedürfnis aller Personas auftauchten, waren allerdings ganz schlicht und einfach: intuitive Bedienung, Orientierung und Navigation.
Wo bin ich? Was gibt es hier zu sehen? Wie komme ich zur Toilette – oder im Notfall zum Ausgang?
Das klingt naheliegend und wenig glamourös. Aber ein Guide, der Aylin in der ersten Minute orientiert, Linus zeigt, wo die Highlights für seine Kinder sind, und Ralf ohne zu viel digitalen Schnickschnack durch die Fabrikhalle führt, ist die Grundlage für alles andere.

Wie geht’s nun weiter?
Dieser Blog begleitet den Umbau der Dauerausstellung von Anfang an – das gilt nun auch für den Medienguide. Denn ein gutes Museumsangebot entsteht nicht im Stillen Kämmerlein ohne Kontakt zum Publikum. Es entsteht mit dem Bewusstsein darüber, wer die Zinkfabrik Altenberg besucht, was diese Menschen bewegt, und wo wir sie überraschen können – oder wo ein „Digitaler Guide“ im wortwörtlichen Sinne unterstützen kann.
Währenddessen sind wir bereits mit Entwickler*innen in Kontakt, um die Umsetzung zu planen. Bis zum Release berichte ich hier vom Entstehungsprozess: über Barrierefreiheit, versteckte Geschichten, die der Guide sichtbar machen soll, und inwiefern auch Künstliche Intelligenz zu seiner Realisierung beiträgt.
Vor allem wollen wir auch mit echten Menschen in Kontakt treten: Erkennt ihr Euch in einer der Personas wieder – oder überhaupt nicht? Wollt ihr Euch an der Entwicklung des Medienguides beteiligen, etwa in einem Workshop zum Storytelling oder dem Test von Prototypen? Ich freue mich über Rückmeldungen in den Kommentaren oder per Mail an maximilian.westphal@lvr.de.

