Vor einer Mauer hält eine Person ein Smartphone in der Hand. Die Person zeigt mit der linken Hand auf den Bildschirm des Smartphones. Der Bildschirm zeigt ein blaues Play-Symbol auf schwarzem Grund.

Für wen eigentlich? Ein digitaler Guide für echte Menschen

Seit ich im Herbst als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Dokumentation und Digitales Museum gestartet bin, liegt ein Projekt obenauf: der neue Medienguide für das LVR-Industriemuseum zur neuen Dauerausstellung der Zinkfabrik Altenberg. Eine App, die Euch bei der Wiedereröffnung durch die Ausstellung begleiten kann. Letztendlich soll die Anwendung eine interaktive Plattform für Audio-Inhalte und vielem mehr an allen Schauplätzen des LVR-Industriemuseums bieten – die Zinkfabrik Altenberg ist also nur der Anfang. Aber wie geht man so etwas an? Mit Technik? Mit Inhalten? Mit einem leeren Blatt?

Ein Beitrag von Maximilian Westphal

Bereits mit früheren Planungen der Ausstellung bestand die Idee, dem Publikum mit einem Medienguide ein mediales Vermittlungstool anzubieten. Im Laufe des Projektes wurde es aus Kostengründen zurückgestellt, aber kann nun Dank einer Förderung realisiert werden. Die Projektskizze des Medienguides verspricht ein Angebot, das „individuell, barrierefrei und mehrsprachig gestaltet ist und zugleich eine Plattform bereitstellt, die das Museum im digitalen Raum verankert.“

Um in die Konzeption einzusteigen, war es für mich unabdinglich, im Austausch mit dem Ausstellungsteam verschiedene Perspektiven und Beteiligte sowie vergangene Überlegungen zum Thema kennenzulernen. Bevor auch nur eine einzige Zeile Programmiercode geschrieben wird, stellt sich eine grundlegende Frage: Für wen ist der Medienguide eigentlich?

Die Antwort überrascht kaum: für sehr unterschiedliche Menschen gleichzeitig. Da „für alle“ aber keine Zielgruppe ist, sollte es doch etwas konkreter werden… Ein Ausgangspunkt hierfür ist die „Persona-Methode“ (siehe hier). Sie stammt ursprünglich aus der Software-Entwicklung und ist mit dem „Visitor Journey Mapping“ mittlerweile auch im Museumsbereich erprobt, um Angebote zielgruppenorientiert zu entwickeln: So können wir uns verschiedenen Nutzungsszenarien des zukünftigen Medienguides annähern.

Grafik zur Persona Methode. Sie zeigt wichtige Erarbeitungsziele für Experience Seekers. Diese Ziele sind aufgeteilt für vor, während und nach dem Museumsbesuch. Für die Erwägung, Planung und die Anreise sind andere Dinge gefordert, als in den unterschiedlichen Ausstellungsräumen und im Kinderbereich des Museums. Nach dem Besuch folgt die Reflektion.
Bestandteile der Persona-Methode, am Beispiel eines „Experience Seekers“ im Projekt museum4punkt0; Bild: Staatliche Museen zu Berlin / museum4punkt0, CC BY 4.0

Personas: Besucher*innen, die es (noch) nicht gibt

Ralf ist 68 und ehemaliger Fabrikarbeiter aus Duisburg. Er kennt sich mit Maschinen aus wie kaum jemand sonst. Außerdem besucht er gerne Führungen und bringt manchmal seine Enkelin mit ins Museum. Ralf gibt es nicht wirklich – er ist eine Persona: d.h., eine fiktive, aber auf echten Beobachtungen basierende Figur, die wir entwickelt haben, um uns besser vorzustellen, für wen wir das hier eigentlich alles machen.

Neben Ralf gibt es Marike – sie ist 27, Elektrotechnik-Studentin aus Arnhem, geschichtsbegeistert, aber hat eine kurze Aufmerksamkeitsspanne und den Wunsch, die Ausstellung auf Niederländisch zu erleben. Außerdem gibt es da noch Aylin, 52, die eigentlich eine Fahrradtour geplant hatte, jetzt aber wegen des Regens im Museum gelandet ist. Deshalb will sie schnell wissen, was sie hier erwartet und wo es langgeht. Schließlich begegnen wir Linus, 42, der mit seiner Familie kommt und sich fragt: Womit fangen wir überhaupt an? Diese vier – und noch weitere – sitzen seitdem bei jeder Überlegung zum Medienguide mit am Tisch.

Persona-Methode zu Ralf. Auf diesem Papier müssen Zitat, Bedürfnisse, Ziele, Kompetenzen, Motivationen, Frustrationen und Erwartungen für eine bestimmte Person festgelegt werden. Hier ist es Ralf. An diesem wird dann das Ausstellungskonzept geplant.
Persona-Bogen für den Experten und Hobbyist „Ralf“ im LVR-Industriemuseum nach dem Workshop; Bild: LVR-Industriemuseum / Maximilian Westphal, CC-BY-SA 4.0

Die wichtigste Funktion ist oft die unscheinbarste

In einem teaminternen Workshop haben wir unter anderem anhand von Ralf, Marike, Aylin und Linus Ideen gesammelt, priorisiert und diskutiert. Viele Vorschlägen waren kreativ und aufregend, beispielsweise mit Augmented Reality Maschinen zum Laufen bringen, KI-Chats mit Objekten planen und mit spielerischen Rätseln die Ausstellung erkunden. Features, die als Bedürfnis aller Personas auftauchten, waren allerdings ganz schlicht und einfach: intuitive Bedienung, Orientierung und Navigation.

Wo bin ich? Was gibt es hier zu sehen? Wie komme ich zur Toilette – oder im Notfall zum Ausgang?

Das klingt naheliegend und wenig glamourös. Aber ein Guide, der Aylin in der ersten Minute orientiert, Linus zeigt, wo die Highlights für seine Kinder sind, und Ralf ohne zu viel digitalen Schnickschnack durch die Fabrikhalle führt, ist die Grundlage für alles andere.

Ein voller Tisch. Laptop, Block, Notizzettel, Stifte, Kaffee und Kekse verteilen sich über den Tisch. Rechts schreibt eine Hand gerade etwas auf.
Am Ende des Team-Workshops waren die Flipcharts voller Ideen und Gedanken auf Post-Its. Wichtig: ausreichend Tee, Kaffee und Kekse; Foto: LVR-Industriemuseum / Maximilian Westphal, CC-BY-SA 4.0

Wie geht’s nun weiter?

Dieser Blog begleitet den Umbau der Dauerausstellung von Anfang an – das gilt nun auch für den Medienguide. Denn ein gutes Museumsangebot entsteht nicht im Stillen Kämmerlein ohne Kontakt zum Publikum. Es entsteht mit dem Bewusstsein darüber, wer die Zinkfabrik Altenberg besucht, was diese Menschen bewegt, und wo wir sie überraschen können – oder wo ein „Digitaler Guide“ im wortwörtlichen Sinne unterstützen kann.

Währenddessen sind wir bereits mit Entwickler*innen in Kontakt, um die Umsetzung zu planen. Bis zum Release berichte ich hier vom Entstehungsprozess: über Barrierefreiheit, versteckte Geschichten, die der Guide sichtbar machen soll, und inwiefern auch Künstliche Intelligenz zu seiner Realisierung beiträgt.

Vor allem wollen wir auch mit echten Menschen in Kontakt treten: Erkennt ihr Euch in einer der Personas wieder – oder überhaupt nicht? Wollt ihr Euch an der Entwicklung des Medienguides beteiligen, etwa in einem Workshop zum Storytelling oder dem Test von Prototypen? Ich freue mich über Rückmeldungen in den Kommentaren oder per Mail an maximilian.westphal@lvr.de.

Logoleiste mit Logos folgender Institutionen von links nach rechts: Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen; Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen, Wappen des Landes Nordrhein-Westfalen; Städebauförderung von Bund, Ländern und Gemeinden; Stadt Oberhausen.

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