Ein Blick ins Depot

Sammeln – das ist eine der Hauptaufgaben eines jeden Museums, aber dazu braucht es viel, sehr viel Platz: Im sogenannten Depot lagert auch das LVR-Industriemuseum seine kleinen und großen Schätze. Diesen besonderen Ort möchten wir heute vorstellen.

Vom musealen Sammeln

Der Deutsche Museumsbund hat fünf Aufgaben für Museen erarbeitet: Sammeln, Bewahren, Forschen, Ausstellen und Vermitteln. Besucher*innen erleben das Museum meist über Ausstellungen und Veranstaltungen. Doch ein Großteil der alltäglichen Museumsarbeit findet im Verborgenen statt, dabei sind gerade das Sammeln, Bewahren und Forschen wesentliche Voraussetzung, um eine Ausstellung und ein spannendes Begleitprogramm anbieten zu können.

Das Herz des Museums ist seine Sammlung. Sammeln wir als Hobby zum Beispiel Briefmarken, Gartenzwerge oder altes Spielzeug, so sammelt ein Museum nach einem bestimmten Sammlungskonzept. Dieses ist von Museum zu Museum unterschiedlich und kann so die große Vielfalt unseres kulturellen Erbes aber auch ganz aktueller Themen aufzeigen. Das LVR-Industriemuseum sammelt laut seiner Gründungsidee Objekte, also Exponate, die „das industrielle Erbe der Arbeitsgesellschaft im Rheinland“ abbilden. Das größte Exponat ist dafür jeweils das Gebäude der sieben Schauplätze selbst, denn was könnte besser über die Arbeits- und Lebenswelten früherer Generationen erzählen als eine originale Zink- oder Textilfabrik, als eine stillgelegte Papiermühle oder ein altes Kraftwerk?

Da der Platz zur Aufbewahrung der Exponate und auch die Arbeitszeit der Sammlungs- sowie Depotmitarbeiter*innen begrenzt ist, wird nur gemäß dem Sammlungskonzept gesammelt: Objekte müssen zeitlich, geografisch und thematisch zum LVR-Industriemuseum passen, eine gewisse Relevanz haben und dabei stellvertretend für eine bestimmte historische Zeitspanne stehen. Die Objektbiografie, das meint die Nutzungsgeschichte und die Herkunft des Objekts, sollte im besten Fall tatsächlich eine ‚Geschichte erzählen‘ und so die Bedeutung und frühere Verwendung erklären können.

Objektankäufe und Schenkungen werden von den Sammlungsmitarbeiter*innen getätigt oder entgegengenommen sowie dokumentiert, fotografiert und vermessen – neue Objekte sind dann mit samt ihrer Objektbiografie inventarisiert, das heißt sie gehen in die Sammlung des Museums über und werden fortan im Depot gelagert. Eine spezifische Inventarnummer garantiert dabei, dass die Exponate, wenn sie für eine Ausstellung, Restaurierung oder eine Forschungstätigkeit benötigt werden, gefunden werden können. Denn das LVR-Industriemuseum besitzt weit über 430.000 Objekte, die in seinem Depot, dem Peter-Behrens-Bau, aufbewahrt werden.

Das Depot des LVR-Industriemuseums

Der Peter-Behrens-Bau wurde in den 1920er Jahren nach Entwürfen des berühmten Architekten und Designers Peter Behrens (1868-1940) auf dem Gelände der damaligen Gutehoffnungshütte (GHH) an der Essener Straße in Oberhausen gebaut. Das große, mit dunklem Backstein und großzügigen Fenstern verkleidete Gebäude war einst das Hauptlagerhaus der GHH. Nachdem die Stahlproduktion in Oberhausen endgültig stillgelegt wurde, erwarb der Landschaftsverband Rheinland das Lagerhaus 1992 und nutzt es seit 1998 als zentrales Depot für alle Schauplätze des LVR-Industriemuseums.

Ansicht des GHH-Hauptlagerhauses von der Essener Straße aus, Juli 1929,
Foto: LVR-Industriemuseum

Das GHH-Lagerhaus verwaltete einst die gesamte Vorratshaltung der Hütte: Wichtige Ersatzteile aber auch alltägliches Verbrauchsmaterial wurde platzsparend und gut sortiert an einem einzigen Ort aufbewahrt. Da das Lagerhaus also seine Aufgabe in einer effizienten Materiallagerung hatte, baute Peter Behrens es entsprechend dieser Anforderung: Sehr schlicht und genau auf die Funktion angepasst, besitzt es ein schweres Fundament aus Eisenbeton und ein Stahlskelett, ein Stützgerüst aus Stahl, welches sich in einem gleichbleibenden Muster durch das gesamte Gebäude zieht. Dafür wurden 1000 t Stahl verwendet, welche die GHH selbst produzierte. So wurde eine große Tragfähigkeit erreicht: Die einzelnen Etagen können pro Quadratmeter teils mehrere Tausend Kg tragen. Wie praktisch also, dass das LVR-Industriemuseum dieses historische Lagerhaus ebenfalls als Lagerstätte für seine Museumsobjekte nutzen kann.

Blick in das Lagerhaus, 1929,
Foto: LVR-Industriemuseum

Die Exponate werden auf mehreren Etagen gelagert. Sie sind beispielsweise nach Themen, ihrem Zugangsdatum in das Museum oder nach ihrem Material sortiert. Daher finden sich unterschiedlichste Abschnitte in dem Depot: Es gibt Schränke und Schubladen in denen kleine und kleinste Objekte sicher verwahrt werden aber auch Großmaschinen und Arbeitsgeräte, die entsprechend beträchtliche Fläche in Anspruch nehmen. Kostbare Kunstwerke und vermeintlich unscheinbare Alltagsgegenstände finden ebenso ihren Platz im Depot, um die Sammlung weiter auszubauen. Da das LVR-Industriemuseum gemäß seinem Sammlungskonzept beispielweise auch Textilien berücksichtigt, verfügt der Peter-Behrens-Bau über ein sogenanntes Rollregalsystem, in dem die wertvollen und teils sehr alten Textilien vor Licht, Ungeziefer oder klimatischen Schwankungen geschützt verwahrt werden. Das Rollregalsystem hilft dabei auch ein großes Problem eines jeden Museumsdepots zu lösen: Den chronischen Platzmangel. Denn es besteht aus vielen Einzelregalen und kann über Schienen oder Räder bewegt werden, sodass sich Regaleinheiten öffnen und andere wiederum schließen.

Und so gehört neben dem Aufbau der Sammlung auch das Ent-Sammeln zu den zentralen Aufgaben der Sammlungsmitarbeiter*innen. Doch das kritische Hinterfragen der eigenen Sammlung, ihres Konzepts und der Exponate dient nicht nur dem Platzgewinn, sondern auch dazu das Profil des Museums zu schärfen, neue Schwerpunkte zu setzen und auf aktuelle Themen oder Forschungsergebnisse reagieren zu können. Beim Ent-Sammlen werden zudem Exponate entsorgt, die defekt oder mittlerweile mehrfach in der Sammlung vorhanden sind (sogenannte Dubletten) oder dessen Objektgeschichte leider im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen ist. Das LVR-Industriemuseum sammelt aber nicht nur historische Objekte, sondern auch Gegenstände unserer Jetztzeit, denn was heute Teil unseres Alltags ist, kann bereits für aktuelle oder kommende Ausstellungen – wie für unsere neue Dauerausstellung – interessant sein.

Und hier der versprochene Blick ins Depot:

In einem anderen Blogartikel haben wir schon einmal speziell auf die Sammlung des LVR-Industriemuseums geblickt und in die Reihe ‚Neues Zeug‘ eingeführt: https://zinkfabrikaltenberg.blog/2020/05/27/neues-zeug-wir-sammeln-weiter/

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