Simulacrum

Eine audiovisuelle Installation von Einar Fehrholz zur Extraschicht 2023

In wenigen Tagen steht die ExtraSchicht wieder an. Im Vorfeld haben wir euch mit der Vorstellung unseres Programms bereits einen ersten Vorgeschmack darauf gegeben, was euch am 24. Juni 2023 erwarten wird. Um euch die beiden Highlights der diesjährigen Langen Nacht der Industriekultur – die beiden Installationen in der Elektrozentrale und der alten Schlosserei – schon vor dem eigentlichen Event näherbringen zu können, haben sich die beiden Künstler an die Arbeit gemacht und einen Beitrag verfasst, in dem sie euch von ihrer Kunst berichten. Den Auftakt hat der Wuppertaler Künstler Kai Fobbe gemacht. In unserem heutigen Beitrag führt euch der Oberhausener Klang- und Medienkünstler Einar Fehrholz in seine Arbeit Simulacrum ein.

Ein Beitrag von Einar Fehrholz

Im Rahmen der ExtraSchicht 2023 wird die alte Schlosserei auf dem Gelände der ehemaligen Zinkfabrik Altenberg von mir mit meiner interaktiven Installation Simulacrum bespielt. Die audiovisuelle Arbeit Simulacrum befasst sich mit digitalen Schnittstellen zeitgenössischer Klang- und Bildbearbeitung im Zusammenspiel mit Interaktionen der Besucher*innen der Extraschicht. Es wird ein erweiterter Wahrnehmungsraum geschaffen, welcher die vermeintlichen Grenzen von Hör- und Sehgewohnheiten auslotet: Ein futuristischer Blick auf eine fortschreitend technologisierte Welt am Draht.

Projektfoto zu Simulacrum
Simulacrum
Foto: Einar Fehrholz

Simulacrum ist eine Begegnung des Hyperrealen, eine synästhetische Erfahrung, ein Bühnenbild, die Rahmung einer Handlung und zur gleichen Zeit ein Nicht-Ort, welcher Zeit und Raum verschwimmen lässt. Durch Projektionen und Sounds wird ein Portal aus Licht und Klang erschaffen und sorgt dafür, dass die Betrachtenden eine multisensorische Begegnung mit zeitgenössischen Ausdrucksformen digitaler Kunst erfahren können. Ich verstehe meine Arbeit dabei als eine experimentelle Kunstinstallation, welche sich kunsthistorisch auf das Happening bezieht und Kunst als ganzheitlichen Erfahrungsraum deutet. Das Happening ist eine Ausdrucksform der Aktionskunst der 1960er Jahre, in welcher visuelle, theatralische und auditiv-musikalische Formen zusammengeführt werden. Die Teilhabe und Mitwirkung des Publikums ist wesentlicher Bestandteil der Aktion.

In dieser Tradition des Situativen bewegt sich auch die Arbeit Simulacrum, welche einen spekulativen, sowie partizipativen Raum erzeugt, ähnlich wie in der Club-Kultur, zu welcher die Arbeit klare Bezüge aufweist.

Aufnahme des Simulacrum
Simulacrum
Foto: Einar Fehrholz

Seit mehr als einer Dekade erprobe ich mit verschiedenen Künstler*innen experimentelle Veranstaltungsformate zwischen Clubnacht und Kunstformat. Simulacrum erzeugt eine erweiterte Realität, einen hypothetischen Raum, welcher sich an der Abstraktion von Klängen und Bildern versucht, sich dabei aber auch genauso an der vermeintlichen Referenzlosigkeit der Bilder und Zeichen der Gegenwartsgesellschaft abarbeitet. Mit der gesteigerten Virtualität unserer persönlichen Umwelt und den Fortschritten im digitalen und technischen Bereich (Metaverse, künstliche Intelligenz, Face Filter, Augmented Reality, Zoom-Calls etc.) drängt sich die Frage nach Einordnung und kritischer Untersuchung von Original und Kopie, Vorbild und Abbild sowie Realität und Imagination auf.

Tatkräftige Unterstützung

Um das Potential des Simulacrums zu entfalten, war mir die Einbindung anderer Künstler*innen in den Prozess ein großes Anliegen. Die Arbeit wird präsentiert unter der Mitwirkung weiterer Künstler*innen wie Jan Arlt, finsterNiz und dem Studio Above&Below, welche sich in ihren künstlerischen Werken mit erweiterten Klang- und Bildwelten auseinandersetzen. Bereits vorherige gemeinsame künstlerische Unternehmungen hatten gezeigt, dass wir gemeinsam auf einer Frequenz resonieren.

Porträt des Duos Studio Above&Below
Studio Above&Below
Foto: Studio Above&Below

Das in Großbritannien verortete Studio Above&Below besteht aus Daria Jelonek und Perry-James Sugden.

In ihrer Arbeit kombinieren sie Mixed-Reality-Erfahrungen und Datensätze zu digitaler Kunst, um potenzielle Verbindungen zwischen Menschen, Maschinen und der Umwelt zu schaffen und so auf eine bevorzugte zukünftige Interaktion mit unserer Umgebung hinzuarbeiten. Das Studio Above&Below glaubt an forschungsbasierte Kunst, die fortschrittliche Technologien mit Live-Dateneingaben nutzen, um unsichtbare Phänomene sichtbar zu machen und unserer Umwelt eine Stimme zu geben, um sich auszudrücken.

Dabei ist dem Duo das Ruhrgebiet auch nicht fremd. Daria Jelonek ist in Oberhausen aufgewachsen und hat einen Hochschulabschluss an der Folkwang Universität der Künste in Essen absolviert. Im Jahr 2021 konnte die Arbeit von Studio Above&Below bereits im Rahmen ihrer Residenz beim NEW NOW Festival für digitale Künste in der Region erlebt werden.

Auch inhaltlich hat sich das Design-Studio in einer vorherigen gemeinsamen Kooperation mit dem Ruhrgebiet auseinandergesetzt. Der dabei entstandene Kurzfilm Aquateque (2021) zeigt eine fiktionale und spekulative Ansicht des Flusslaufs der Ruhr. Mithilfe einer Vielzahl digitaler Medien und Werkzeuge wurden der Fluss und die Uferlandschaft untersucht und künstlerisch aufbereitet. Die Arbeit Aquateque wurde unter anderem im Rahmen der 68. Internationalen Kurzfilmtage im Jahr 2022 präsentiert und überzeugte als erster Preisträger des Kreativ.Campus Ruhr Awards.

Der Allround-Künstler Jan Arlt erweitert den installativen Rahmen von Simulacrum durch eine klangliche Live-Performance. Dabei zeigt Arlt seine Virtuosität am Synthesizer und befasst sich kritisch mit der Digitalisierung der Gesellschaft und der Virtualisierung der menschlichen Existenz.

Porträt von Jan Arlt
Jan Arlt: The Art of Pop
Foto: Ludwiggalerie

“Delegieren wir unsere göttlichsten Fähigkeiten – Fantasie und Imagination – an definitiv tote Automaten? Ist der Tausch von Realität gegen Virtualität – die durchaus Züge einer jenseitigen Ebene trägt – weise? Ist eine Existenz in einem digital simulierten, luziden Traum erstrebenswert oder eher sterbenswert? Die dunklen Schatten in Platons Höhle sind zu farbig strahlenden Projektionen geworden. Euphorisch ketten wir uns selbst an die Höhlenwand.”

Jan Arlt zu Simulacrum in einer gemeinsamen E-Mail im Prozess der Konzepterstellung

Die in Duisburg geborene Künstlerin finsterNiz bespielt die Installation in der Schlosserei des Zentrum Altenbergs mit einem DJ-Set. In ihren vielseitigen Sets zerlegt sie zeitgenössische Spielarten der Clubmusik in ein klangliches Mosaik, welches sich beim Hören im Raum wieder zu einem neuen Klangbild zusammensetzt.

Porträt von FinsterNiz
FinsterNiz
Foto: Einar Fehrholz

Neben ihrer Arbeit als DJ forscht sie im Kollektiv DeFormation zu den Themen wie Klänge Menschen bewegen und in welchem Verhältnis die Gefühle dazu stehen. Im Kollektiv BitchesXWitches schafft sie außerdem Sichtbarkeit für FLINTA* Artist (also all diejenigen Menschen, die sich nicht als Cis-Männer identifizieren) in der Clubszene.

Porträt von Einar Fehrholz
Einar Fehrholz Foto: James Brooks for Factory Berlin

Nun noch ein paar Informationen zu meiner Person: Ich arbeite als Klangkünstler, DJ und Musiker. Ich bin aber auch aktiv im Feld des Kulturmanagements und als Kunsthistoriker tätig. Meine Arbeit mit Klang umfasst sphärische Klangreisen, welche eine Vielzahl unterschiedlicher Klanglandschaften abbilden, die dabei stets auf Einflüsse abseitiger, zeitgenössischer elektronischer Musik verweisen. Meine Musik wurde bereits im internationalen Kontext präsentiert, in Deutschland im Rahmen des Fusion Festival (2011/2012), dem NEW NOW Festival (2021), dem Shiny Toys Festival (2020) und vielen anderen.

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