Museum macht kritisch. Oder ist das Museum machtkritisch? Drei Worte, die viele Perspektiven zum Thema Machtkritik eröffnen. Da wundert es also nicht, dass dieses Thema als Überschrift für die Bundesvolontariatstagung (BVT), die jährliche Tagung für den Museumsnachwuchs, gewählt wurde. Diese fand am 11. und 12. Juni 2026 in der DASA (Deutsche Arbeitsschutzausstellung) in Dortmund statt. Die Jugend der Museumsmachenden hat mehrere Tage über verschiedene Aspekte machtkritischer Museumsarbeit diskutiert. Auch die Kuration von Ausstellungen, wie hier in der Zinkfabrik Altenberg, ist in einigen Belangen machtkritisch. Oder macht kritisch? Welche Perspektiven und Tendenzen der neuen Museumsmachenden fließen in die Texte ein, welche Personengruppen werden partizipativ an Design und Konzept beteiligt und können wir überhaupt ein Museum für alle gestalten?
Ein Beitrag von Anna Blum
Die Tagung folgte einem gedanklichen Dreischritt: „Verstehen, Anwenden, Verankern“. An diesem orientierten sich sowohl die Workshops, als auch die Vorträge. Im ersten Abschnitt der Tagung standen die Theorie von Macht und Kritik im Fokus. Museen sind ständige Transformatoren, müssen sich gesellschaftskritisch anpassen. Es stellen sich also Fragen, wie beispielsweise: Wie können Museen wandel- und handlungsfähig bleiben? Auf welche Weise bleibt ein Museum sowohl nach innen als auch nach außen kritik- und gesellschaftsfähig? Wie können Museen und Museumsmachende an Prozessen der Demokratiebildung mitwirken? Diesen Fragen widmeten sich die Vorträge von Dr. Vanessa Zeissig und Prof. Dr. Joachim Bauer. Das Programm könnt ihr übrigens hier nachlesen.
Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Zinkfabrik Altenberg ebenfalls. Wir überlegen z. B., inwiefern Museumstexte vereinfacht und inklusiv geschrieben werden können, damit ihre demokratischen und machtkritischen Inhalte einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden. Oder, auf welche Weise Dauerausstellungen neue theoretische und gesellschaftliche Entwicklungen abbilden, die sich in Zukunft wiederum verändern werden. Das fängt bei der Idee für eine neue Dauerausstellung an und setzt sich von der Konzeption bis zur Umsetzung und Erweiterung fort.

Der zweite Abschnitt beschäftigte sich mit der Praxis bzw. Umsetzung der schon behandelten Machtkritik. Anna Lampert stellte ein neues Konzept zum Thema Power Sharing vor. In diesem zeichnete sie mehrere Stufen von Partizipation auf, die kleinere und größere Machtabgaben bzw. Zugeständnisse an Kooperationspartner*innen bedeuten. Die zentrale Frage lautete: Wie viel Macht gebe ich ab und wie viel Partizipation lasse ich von außen zu? Den Abschnitt komplettierten Workshops, die sich mit Rassismuskritik, kritischer Sammlungsarbeit sowie inklusiver Ausstellungs- und Veranstaltungsarbeit beschäftigten. Klar wurde: Nur durch Praxis kann Veränderung in Museen geschaffen werden.
Ein gutes Beispiel für kritische Museumsarbeit bei uns wird dazu das taktile Leitsystem in der Zinkfabrik Altenberg sein. Es zieht sich nicht nur durchs Museum, sondern über das gesamte Altenberg-Gelände. Die Zinkfabrik Altenberg denkt über Inklusion nach und setzt sich kritisch mit einer Infrastruktur auseinander, die das nicht ermöglicht. Deshalb entscheiden wir uns aktiv dafür, einen Leitweg einzubauen. Das Museum soll für alle zugänglich sein. Zugänglichkeit wird somit über Sprache und Inklusion geschaffen. Das sind zwei Ansätze von vielen, die in der Museumsarbeit in Zukunft umgesetzt werden (müssen).
Auch Kooperationen und die Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Ebenen bei der Planung einer Dauerausstellung, wie jene der Zinkfabrik, machen kritisch, da sie über bestehende Hierarchien funktionieren, die hinterfragt werden müssen. Kuration, Pädagogik, Restauration, Werkstatt: Alle arbeiten an der neuen Dauerausstellung mit und haben dabei unterschiedliche Partizipations- und Spielräume. Das konnte auch Sascha Pries in der Podiumsdiskussion am zweiten Tag verdeutlichen, als er über seine Erfahrungen in einem kürzlich abgeschlossenen Ausstellungsprojekt sprach.
Das Programm des ersten Tages komplettierten zahlreiche Führungen durch verschiedenste Dortmunder Museen und die „Volo-Shorts“ am Abend. Letztere zeigten Projekte von Volontär*innen auf, die sich mit Neukonzeptionen, Sammlungsarbeit, Kooperationen, migrantischen Perspektiven und weiteren Thematiken auseinandersetzten, die bei machtkritischer Museumsarbeit eine Rolle spielen. Auch in der neuen Dauerausstellung der Zinkfabrik Altenberg werden z. B. durch Zeitzeug*inneninterviews neue Perspektiven und Geschichten eröffnet. Dieser Grad an Partizipation kann nicht an allen Stellen in der neuen Ausstellung erreicht werden. Doch die Ausstellungsarbeit ist stets von partizipativen Ansätzen geprägt. Das sind beispielsweise Kooperationen mit inklusiven und migrantischen Verbänden für die Umsetzung verschiedener Ausstellungsstationen. Außerdem werden in der Dauerausstellung Thematiken so gut wie möglich multiperspektivisch beleuchtet.
Beim abendlichen Get-Together konnten sich die verschiedenen Länder-Arbeitskreise sowie der Bundes-Arbeitskreis Volontariat vorstellen. Denn wir Volontär*innen, unsere Arbeit und die Bedingungen, unter denen wir arbeiten, können nur über das Mitmachen Sichtbarkeit erfahren. Partizipation heißt entsprechend auch, Veränderungen anzustoßen. Vor allem die Aspekte des „Sichtbarwerdens“, der Partizipation sowie der Anerkennung haben mich motiviert, an dieser BVT mitzuwirken sowie Programm und Podiumsdiskussion zu planen und durchzuführen.

Am zweiten Tag der Veranstaltung widmete sich der dritte Abschnitt dem Thema der langfristigen Praxis, also dem Umbau von Strukturen und dem Verankern von Prozessen. Auf welche Weise kann machtkritische Museumsarbeit wirksam bleiben, wenn die Projektgelder auslaufen? Wie kann ein Museum innere Strukturen aufbrechen und neue aufbauen, um gesellschaftskritischer zu werden? Wie kann jemand im Volontariat Veränderungen anstoßen, wenn er oder sie nur zwei Jahre im Haus ist? Der dritte Vortragsabschnitt brachte die meisten Nachfragen, da die Frage der Verankerung eine komplexere im Vergleich zu Theorie und einfacher Praxis ist.

Auch die Zinkfabrik Altenberg beschäftigt sich mit diesen Fragen und muss diese zum Teil noch beantworten. Wie schaffen wir pädagogische Programme, die Inhalte erfolgreich vermitteln und zum Hinterfragen anregen? Wie machtkritisch wirken Texte auf die Besuchenden? Welche Kooperationen fördern eine Umstrukturierung des Hauses? Wie holen wir andere Besuchendengruppen ins Museum und machen die Zinkfabrik attraktiver? Bei Letzterem können partizipative Stationen in der neuen Dauerausstellung helfen. Das sind Bereiche im Museum, in denen die Besuchenden selbst mitdenken müssen, Fragen stellen und Gedanken äußern können. Das geht z. B. anhand und mithilfe von Ideentafeln und Gästebüchern.
Gerade in einer Zeit, in der Museen mit weniger Geld, weniger Kulturförderung und einer unkooperativen Politik kämpfen, müssen sie Ideen und Umsetzungen anpassen. Antworten in Bezug auf die Volontariatsstellen liefern Menseke Wenzler und Anna-Lena Friebe. Sie denken wissenschaftliches Arbeiten neu und setzen beispielsweise auf Forschungsvolontariate und Trainee-Stellen. Das bedeutet z. B., dass das Volontariat stärker an ein Forschungsprojekt gekoppelt wird, um mehr wissenschaftliches Arbeiten zu ermöglichen. Es kann aber auch bedeuten, dass mehr spezifische Fortbildungen ermöglicht werden, wodurch sich die persönliche Stellung im Museum bessern kann.
Dass Museumsarbeit machtkritisch sein muss, zeigte auch die Podiumsdiskussion am zweiten Tag. Viele Perspektiven auf Praxis, Ideenumsetzung, Hierarchien und Besuchendengruppen kamen seitens der Volontär*innen zur Sprache. Die Diskussion konnte nicht alle offenen Fragen abschließend beantworten. Es zeigten sich aber deutliche Diskrepanzen zwischen Ideen und Umsetzungsmöglichkeiten. Auch diese müssen zur Sprache kommen, um Weiterentwicklungen des Hauses zu fördern. Dazu lässt sich festhalten, dass das für alle Altersgruppen und alle Berufsfelder im Museum gilt!
Museumsmitarbeitende erzählen auf Tagungen auch immer eine Geschichte ihres Leitbildes und das des Museums, dem sie angehören. Diese müssen aber dynamisch und anpassbar sein, um Kompromisse zu schließen. Das haben auch der Abschluss der Tagung und die letzten Workshops klargemacht. Wir Volontär*innen präsentieren auf der von uns selbst gestalteten Tagung ebenfalls unsere Ideen, repräsentieren aber gleichzeitig unsere Häuser. Dieses Verhältnis auszutarieren, ist nicht immer leicht. Doch wir können unsere vergleichsweise kleine Macht nutzen und Museen für die Zukunft neu denken. Dabei müssen wir uns auch daran erinnern, dass wir alle mal klein angefangen haben.
Ziele der Tagung und der neuen Dauerausstellung sind also, Menschen zum Nachdenken und Hinterfragen anzuregen und zum Partizipieren zu ermutigen. Wird der Dreischritt der Tagung auf die Zinkfabrik Altenberg angewendet gedacht, ergibt sich abschließend folgendes Bild: Die Ausstellungstexte sind die Theorie des Museums. Hands-On- und Mitmach-Stationen, die es in der neuen Dauerausstellung an einigen Ecken geben wird, sind die einfache Partizipation. Frage- und Austausch-Stationen sowie das Gästebuch stehen für langfristige Verankerung und die Möglichkeit, die Transformation der Zinkfabrik Altenberg weiter fortzuführen. Das hält sie in Zukunft machtkritisch.
So bleibt als vorläufiges Fazit meinerseits, dass es schwierig ist, bei einem so komplexen Thema wie Machtkritik alle Perspektiven zu vereinen. Das gilt sowohl für die neue Dauerausstellung der Zinkfabrik Altenberg, als auch die Diskussion von Machtkritik im Rahmen einer Tagung. Bleiben wir also gespannt, wie sich die Arbeit in den Arbeitskreisen und in den Museumslandschaften weiterentwickeln wird und welche Perspektiven andere Volontär*innen einbringen werden.
