Konvolut von Postkarten von verschiedenen Urlaubsorten in Spanien, Italien, Kroatien und Rumänien, verschickt zwischen 1967 und 1983

Neues Zeug!

Urlaubspostkarten – „Hier frühstücken wir immer“

Vor knapp vier Monaten nahmen wir wieder die beliebte Reihe „Neues Zeug“ rund um unseren Sammlungszuwachs für die neue Dauerausstellung der Zinkfabrik Altenberg auf. Wir führen sie seitdem an dieser Stelle fort und stellen euch in regelmäßigen Abständen unsere neuesten Exponate vor. Diesmal geht es darum, wie wir Urlaubserinnerungen an unsere Mitmenschen weitergeben: Mit Postkarten. Sie waren lange Zeit das Hauptmedium, um anderen von unseren Reiseerlebnissen zu berichten.

Ein Beitrag von Jonas Wingarz

Einige von euch sind vielleicht etwas verwundert, wenn sie hören, dass wir extra ein großes Konvolut bestehend aus 26 Postkarten für die neue Dauerausstellung angeschafft haben. Erstanden haben wir sie für ca. 28 Euro im Online-Shop Bartko-Reher aus Berlin. Sie alle vereint das gleiche Motiv, nämlich typische Hotelanlagen der 1960er bis 80er Jahre, die den beginnenden Massentourismus symbolisieren. Da die Postkarten aufgrund des geringen Kaufpreises aber offenbar keinen besonderen Sammlerwert aufweisen, stellt sich die Frage nach ihrem Verwendungszweck. Warum sind diese Postkarten neben ihrem persönlichen Erinnerungswert gerade so interessant und relevant für uns als Industriemuseum, dass wir ihnen einen gebührenden Platz in unserer neuen Dauerausstellung einräumen wollen?

Alle sollen besser leben

Wie wir euch bereits in der Reihe zum Konzept der neuen Dauerausstellung vorgestellt haben, beschäftigt sich einer von vier zukünftigen Ausstellungsteilen mit dem Streben nach einem besseren Leben zur Zeit des Wirtschaftswunders. Hier werden wir euch zeigen, dass das Arbeiten in durchrationalisierten Fabriken vielen Menschen ersehnte Dinge erstmals erschwinglich machte. Ein durch Massenkonsum angetriebenes Wachstum erzeugte Wohlstand für einen Großteil der Bevölkerung. Dadurch hatten die Menschen zunehmend Freiräume, ihr Leben selbstbestimmter zu gestalten. In der demokratischen Nachkriegsgesellschaft eröffneten sich daher für viele neue Möglichkeiten, ihre Interessen wahrzunehmen. Einige dachten aber auch schon über die Folgen eines ausgreifenden Konsums für Mensch und Umwelt nach.

Die Ausstellungsgruppe "Wir (Sommer-)Urlauber mit dem Ford Capri und der Wand mit Erinnerungsstücken aus verschiedenen Urlauben in der neuen Dauerausstellung
Die Ausstellungsgruppe „Wir (Sommer-)Urlauber mit dem Ford Capri und der Wand mit Erinnerungsstücken aus verschiedenen Urlauben in der neuen Dauerausstellung Foto: LVR-Industriemuseum

Wir (Sommer-) Urlauber

Es wird innerhalb dieses Teils einen eigenen Ausstellungsbereich zu bunteren und freieren Lebensentwürfen von den späten 1960er bis in die 1980er Jahre hinein geben, der in einer seiner Gruppen viele Dinge zum Thema in den Urlaub „fahren“ zeigt. Dort könnt ihr als zukünftige Besucher*innen in der Mitte eine große Plaza betreten und zum Beispiel unseren Ford Capri bestaunen sowie einige Figurinen in der Alltagskleidung der 70er Jahre sehen. Die Postkarten sind dabei Teil einer Ausstellungsgruppe, die Erinnerungsstücke an den Sommerurlaub aus unserer Sammlung präsentiert. Dazu gehören vor allem viele verschiedene Souvenirs aus Spanien, Italien oder auch Deutschland.

Unser Ford Capri in der Seitenansicht
Unser Ford Capri Foto: LVR-Industriemuseum

Urlaubsidylle oder Massenabfertigung?

Diese neu erworbenen Postkarten zeigen alle dasselbe Motiv. Es handelt sich um die Ikonen des Massentourismus: Die Bettenburgen. Sie stehen stellvertretend für den Aufstieg der Pauschalreise als günstige Möglichkeit für viele Bundesdeutsche, überhaupt eine Urlaubsreise in Anspruch nehmen zu können. Trotz der Anonymität der typischen Hotelarchitektur der 1960er bis 80er Jahre verewigten sich die Absender*innen immer individuell auf den Postkarten. Oft markierten sie, wo genau sie innerhalb der riesigen Hotelanlagen gewohnt haben. Die Aufnahmen unseres Konvoluts, die zwischen 1967 und 1983 abgeschickt wurden, stammen beispielsweise aus Riccione und Lignano Pineta in Italien sowie der Playa de Palma und Calamayor, auf Mallorca oder auch der Playa de Santa Galdana und Playa de Son Bou auf Menorca. Einige Postkarten wurden außerdem aus Huelva an der Costa del Sol, aus Calafell und von der Costa Brava in Spanien verschickt. Einzelne Exemplare zeigen Orte auf Ibiza, in Kroatien oder Rumänien.

Reisen als Gewohnheitsrecht!

Alles in allem spiegeln die Postkarten eine Ambivalenz des Reisens wider: Einerseits das Reisen als Massenphänomen mit großen Hotelkomplexen und überfüllten Stränden, andererseits die nun zum Greifen nahen Traumziele. Überbrückt wird dieser vermeintliche Widerspruch durch die identitätsstiftende Funktion dieser Art des Reisens. Durch den Massentourismus sind die Westdeutschen zu einer Gesellschaft von (Sommer-)Urlauber*innen geworden. Für (fast) alle wird es schließlich ein Teil ihres Selbstverständnisses, regelmäßig in den Urlaub fahren zu können. Durch die vereinheitlichten Angebote des Massentourismus verreisen jedoch alle auf eine ähnliche Weise.

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6 comments

  1. Super Beitrag! Ich habe es früher auch geliebt Postkarten zu verschicken, am liebsten aus unseren Urlauben in Bayern. Es ist immer spannend, diese kleinen Souvenirs Jahre später nochmal bei Besuchen bei meinen Großeltern durchzulesen.

    Ich werde mir die Vorstellung einmal anschauen!

  2. Eine richtig tolle Idee! In der Tat verschickte man stolz diese Postkarten, um den Daheimgebliebenen zu zeigen, was man sich leisten kann.
    Eine schöne Geschichte habe ich noch dazu:
    Als es in den 50ern mit den ersten Reisen begann, meist Zimmer mit Frühstück, schrieb eine Frau auf die Karte:
    „Ihr Lieben, wir sind gut hier angekommen. Es ist sehr schön hier.
    Wir haben sogar ein eigenes Badezimmer – und freuen uns schon auf Samstag!“

    Wir erinnern uns? Samstags war bei uns im Pott Badetag.
    Auf die Idee, das Bad auch an anderen Tagen zu benutzen, kam man erst gar nicht.

    Alles Gute für die Ausstellung!
    Lothar Lange

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